Südtirol 2010 – Tag 1 – Timmelsjoch und Jaufenpass

Soll ich oder soll ich nicht? Nachdem ich mich mit dem Auto mitten im dicksten Ferienverkehr über den Fernpass gequält hatte und die Brennerbundesstraße  vor mir lag (einmal sollte man die schon gefahren sein, wenn auch nur mit dem Auto, spart einem nebenbei das Pickerl und ein paar Euro italienische Maut), wuchsen die Zweifel. Die Fahrt bislang war anstrengender als gedacht, obwohl abgesehen vom Transit durch Österreich die Autobahnen in Deutschland eine zügige Fahrt zuließen. Sogar mal kein Stau auf der A8 zwischen Pforzheim und Ulm. Dieser Samstag sollte der bislang heißeste Tag des Jahres werden - und die Klimaanlage im Auto lief schon um 10 Uhr fast durchgehend. Seit 5 Uhr früh war ich unterwegs.

Also – soll ich jetzt mit dem Auto rauf auf den Jaufenpass und wie geplant von dort aus mit dem Rad runter ins Passeiertal, hoch zum Timmelsjoch und auf dem Rückweg dann nochmal hoch zum Jaufen?! Die üblichen Selbstzweifel halt. Auf der Brennerpasshöhe entscheide ich mich dann nach dem Motto – du kommst einmal im Jahr in die Alpen, dann soll es sich auch lohnen.

Erst mal ein paar schöne Fotos geschossen. Ganz angenehm hier oben. Sonne, Schleierwolken und nicht zu heiß. Aber wir befinden uns ja auch 2094m über dem Meer. Also Rad ausgepackt und runter ins Passeiertal. Da ich grundsätzlich in den Bergen die Anstiege durchfahre (meistens klappt es jedenfalls), fotografiere ich eigentlich immer nur in den Abfahrten und auf den Pässen selbst. Immer wieder halte ich an, um die grandiose Bergwelt festzuhalten. Und mit jedem Höhenmeter bergab steigt umgekehrt proportional die gefühlte Temperatur. Unten angekommen zeigt mir auf den ersten km des Anstiegs mein Radcomputer schlappe 41 Grad im Schatten an. Die Straße zum Timmelsjoch verläuft überwiegend an West- und Südhängen, d. h. Mittags bis Nachmittags brennt die Sonne da gnadenlos drauf.

Bäume oder Anflüge von Wald sind äußerst spärlich gesät. Nicht mal kühlende Galerien oder Tunnel. Einfach nur Sonne. Hitze. Die von oben (der Sonne), abgestrahlt von unten (Asphalt) und von der Seite (Fels) kommt. Nach etwas über 8 km und teils heftigem Kampf gegen die einstellige Geschwindigkeitsanzeige auf dem Tacho schaue ich mal interessiert, was mein Pulsmesser so meint. Der meint 197 Schläge. Neuer Rekord. Der Schweiß rinnt in Strömen, nach etwa einem Viertel des Anstiegs ist schon die erste Trinkflasche leer. Die ersten Vorwürfe gegen sich selbst – warum fährst du nach so einer stressigen Anreise so eine Tour? Du hast sie doch nicht alle. Komm, fahr hoch bis zu irgendeinem markanten Punkt hoch und dreh um, du kommst da heute eh nicht hoch... und dein Auto steht auf dem Jaufenpass. Läppische 1400m und 20 km über dem Passeiertal. Ich mache mich vorsorglich mit dem Gedanken vertraut, später noch die Busfahrpläne in St. Leonhard zu studieren. Und ich breche auch mit der eisernen Durchfahr-Regel,  um den Puls ein wenig runterzukriegen, half einfach nur noch eine kleine Pause. Was ebenfalls nervlich zermürbt, ist die ungewohnte Einsamkeit – im Hochsommer zur Mittagszeit keinem einzigen Kollegen zu begegnen, auf den längeren Geraden niemanden zu sehen, auf den man aufschließt; auch von hinten kommt keiner, an den man sich anhängen könnte. Ich bleibe in meinem Kampf gegen  den Berg allein auf weiter Flur. Langsam quäle ich mich einsam weiter berghoch – die ersten  schattenspendenden Galerien tauchen auf, kleinere Tunnels. Die Luft wird langsam dünner – und kühler. Auf der anderen Talseite die ersten Wolken - von denen sich aber einfach keine vor die Sonne schieben will. Die Beine und der Puls erholen sich. Einigermaßen. Ein weiterer kurzer Zwischenstop, um mich an einem Brünnchen etwas abzukühlen. Und nun wird der Blick frei auf die oberen Serpentinen am Hang vorm Tunnel. Der Ehrgeiz erwacht. Komm, wenn du da bist... die Straße flacht ab, d. h. die fiesesten Rampen habe ich hinter mir. Und das Flachstück tut richtig gut. Die ersten Hochgefühle, wie man sie nur im Hochgebirge haben kann – mitten in einer malerischen Kulisse sportliche Höchstleistungen zu vollbringen.

Die imposante Bergwelt verleitet zum Schwärmen, die saftig grünen Almen, umrandet von kleinen Nadelwäldern, die kleinen einsamen Gehöfte, die Gasthöfe am Wegesrand. Doping der anderen Art. Neue Frische durchströmt die müden Beine, doch nun erreiche ich die Spitzkehre am Fuße der wie gemalten Timmelsalm, die gleichzeitig den Beginn des Schlussanstieges markiert, auf den letzten 10 Serpentinen windet sich die Straße am blanken Hang nun noch einmal über 750 Höhenmeter nach oben, über die steilsten 2 km beträgt die durchschnittliche Steigung über 10,5 Prozent. Doch es rollt endlich wieder wie in alten Zeiten, ich nehme eine Serpentine nach der anderen, genieße den grandiosen Ausblick hinunter ins Seeber Tal, auf die Texelgruppe und die Ötztaler Alpen. Die Wolken über dem Königskogel und Hochfirst werden jedoch dunkler und bedrohlicher (orakelten doch die Wetterfrösche neben der Hitze vereinzelte Gewitter über den Bergen), erstmals seit Beginn der Tour genieße ich die Fahrt im kühlen Schatten. Noch kühler sollte es im berüchtigten 555 Meter langen Tunnel werden – Nass, kalt, dunkel; so schnell wünscht man sich die Wärme der Sonne zurück. Auf der anderen Seite des Tunnels eine völlig andere Szenerie, nahezu ausnahmslos nackter Fels, noch zwei weitere kleine Durchstiche, ehe die wieder abgeflachte Straße die Passhöhe – und somit die Grenze zwischen Italien und Österreich erreicht. Hier oben sitzen auch die vermissten Artgenossen, die sich ebenfalls mit dem Rad in diese grandiose Gebirgswelt begeben haben.

Ich mache etwa 15 Minuten Pause, frage mich, was die Skulptur aus Stahl darstellen soll, in die mehrere Besucher hinein und heraus strömen; mache schöne Fotos und verzichte auf das schlüpfen in die Windjacke, 18 Grad auf 2500 Metern im Schatten sind eher selten. Die Abfahrt wird durch unzählige Zwischenstops unterbrochen, um die Bergwelt auf dem Speicherchip meiner Digitalkamera zu verewigen. Der bereits in der Auffahrt zur Abkühlung dienende Brunnen hilft mir nun, meine Trinkflaschen mit frischem Quellwasser zu füllen, kombiniert mit wasserlöslichem Zitronentee die liquide Grundlage dafür zu legen, auf dem Weg hoch zum Jaufenpass nicht dehydriert vom Rad zu fallen. So langsam es berghoch kühler wurde, umso schneller wird es nun heißer  - St. Leonhard scheint an diesem Tag den Backofen der Alpen darzustellen. Immerhin freue ich mich, zumindest nicht hier schon in den Bus einsteigen zu müssen. Radfahrer haben bekanntermaßen ja große Angst vor dem Autobus.

Der Ort ist schnell verlassen, die ersten Serpentinen sind bald durchfahren – doch die müden Beine, die sich in der Abfahrt vom Timmelsjoch schon naiv auf Ruhe und Feierabend eingestellt hatten zeigen dementsprechend nur noch wenig Euphorie für die noch bevorstehende Aufgabe, den 1400 Höhenmetern verteilt auf 20 Kilometern. Der Tritt wird schwerer und schwerer, die Hitze ist unerträglich und ein Blick über die Schulter macht auch keine Hoffnungen, dass die schönen Quellwolken, die in Richtung Süden über dem Passeiertal hängen in den nächsten gut 1,5 Stunden als Schattenspender fungieren würden – ja, man wünscht sich in solchen Momenten auch einen zünftigen Sommerregenschauer. Nach Serpentine Nummer 6 enden die spärlichen Reste schattenspendender Wäldchen und beginnt die krumme „Gerade“ des Jaufenpass – man hat das nicht näher kommen wollende Talende mit der Jaufenspitze quasi durchgehend im Blick, sieht die steile Straße sich links am Hang des Waltentals entlang windend endlos in die Höhe erheben. Im Örtchen Walten zwicken die Oberschenkel schon ziemlich böse, jederzeit befürchte ich die ersten Krämpfe, kämpfe mich aber ans Ende der langen Gerade. Die kommenden letzten 660 Höhenmeter werden mittels 6 Serpentinen überwunden, endlich wird auch der Wald etwas dichter und bietet wenigstens etwas Schatten. Auch die spätere Tageszeit und etwas angenehmere Temperaturen beruhigen den Puls allmählich wieder, die vergangenen 2600 Höhenmeter haben so ziemlich jede Substanz aus den Muskeln gezutzelt, die da noch vorhanden war; an den steileren Rampen haben sie etwa die Konsistenz von Wackelpudding. Aber es geht immer noch, inzwischen beginnt die übliche Umrechnung in Heimatbergen. Sobald der Höhenmesser noch um die 500 Höhenmeter anzeigt, greift bei mir zu Zwecken psychologischen Dopings die Maßeinheit der Anstiege des Pfälzer Waldes. Noch eine Kalmit. Noch ein Totenkopf. Noch eine Pfälzerhütte. Noch die Drei Buchen, noch einmal Walshausen... und völlig entkräftet; Arme, Stirn und Nase von der Sonne verbrutzelt erreiche ich die Passhöhe des Jaufen – auch wenn die Strecke von der letzten Serpentine bis zum Pass schier nicht mehr enden wollte.

Nach etwas mehr als 100 Kilometern mit 3210 Höhenmetern packe ich völlig entkräftet mein Rad ins heiße Auto (Nebeneffekt war der in der Kühlbox als abendliche Verpflegung unbrauchbar gewordene mitgenommene Nudelsalat) und begebe mich auf die Reise nach Feldthurns. Im Eisacktal bei Brixen hat es sich zugezogen, Sturmböen rauschen durch das Tal, es bleibt jedoch trocken. Nach langer Suche im kleinen Bergdörfchen finde ich die Pension, checke ein, falle ins Bett, futtere eine Rolle Pringles und sehe mir auf dem Laptop mittels DVBT (sogar in Südtirol empfange ich mehr freie deutsche Kanäle als zuhause) noch das Spiel um Platz 3 bei der Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Uruguay an. Keine 5 min. nach Abpfiff entgleite ich ins Reich der Träume.

Südtirol 2010 – Tag 2 – Palmschoß und Feldthurns

GeislergruppeJuhu! Ich kann noch laufen. Eigentlich rechnete ich damit, mich heute wie ein 90-jähriger zu fühlen, mich gar nicht bewegen zu können und es bei einer Tour durch das Eisacktal zu belassen. Aber nach einem guten Frühstück entschloss ich mich, heute zumindest einen Teil des Würzjochs und anschließend den Schlussanstieg hoch nach Feldthurns zu fahren, so wie vorab auch in meiner groben Planung vorgesehen. Mein Domizil in Feldthurns hatte ich eher zufällig und kurzfristig über das Internet gebucht, da ich in meinen drei Wochen Sommerurlaub schönes Wetter abwarten wollte - es sollte gleich in der ersten Woche klappen. Die gastgebende Familie war äußerst nett, nur die versprochene W-LAN-Verbindung zwecks Internet wollte irgendwie nicht zustande kommen. Und mir wär ein Zimmer mit Aussicht auf die Geislergruppe statt den Hinterhof lieber gewesen, obwohl die Pension in diesen Tagen ziemlich leer war - naja, dafür war es hier kühler.

Um der großen Hitze zu entgehen, fuhr ich um halb 10 los, zuerst die Panoramastraße entlang der Westseite des Eisacktals mit anschließender kurzer Abfahrt hinunter nach Brixen. Die Strecke war auch Sonnenschutztechnisch erste Wahl, da der gesamte untere Teil des Anstieges, entlang der Ostseite des Eisacktals hoch auf den Palmschoß zu dieser Tageszeit im kühlen Schatten lag. Die tiefrote Nase freute es. Schon auf den ersten Metern konnte ich den ersten Rennradler überholen (okay, er war wahrscheinlich auch zwischen 50 und 60 Jahre alt). Und es rollte - ich hatte meinen Rhythmus schnell gefunden und konnte ihn quasi den kompletten Anstieg durch treten - die Steigung war auch entgegenkommend äußerst konstant.

Das Würzjoch selbst war zu meinem Erstaunen gar nicht ausgeschildert, man konnte sich nur an der Beschilderung ins Skigebiet Plose orientieren. Die ersten grandiosen Ausblicke auf die Alpenstadt Brixen wurden oberhalb von Mellaun frei - die (seit gestern eigentlich nicht mehr ganz so) eiserne Durchfahrregel verhinderte allerdings die jgp-isierung des sich anbietenden Panoramas. Äußerst schön zu fahren war der vollständig im Schatten liegende Teil oberhalb Mellauns, der sich fast schnurgerade durch den Kleranter Wald nach oben zog, bis zur Kehrtwende gen Osten. Ich fuhr nicht schnell, aber auch nicht langsam; der Puls lag durchgängig im orangen bis grünen Bereich; einige Mountain-Biker mussten auch schon dran glauben. Die Fahrt machte einfach Spaß. Natürlich merkte man die Belastung des Vortages - aber nicht in dem befürchteten Maße; ich hatte gar das Gefühl, dass mit jedem Meter die Beine ein Stück weit frischer wurden - trotz einer Durchschnittssteigung von rund 7 Prozent über 16 km.

PalmschoßDen ersten Kulminationspunkt am so genannten Palmschoß erreichte ich nach gut 1:15 Stunden Anstieg - Steiggeschwindigkeit immerhin 901 hm/h. Hier oben zweigt die Straße noch einmal links ab, man kann wenn man denn will auch noch ein gutes Stück weit höher Richtung Plose radeln. Ein Besuch des am linken Straßenrand liegenden Eiscafés hab ich mir dann doch nicht gegönnt, mein Magen war eh etwas nervös die letzten Tage, da muss man ihn nicht noch mit Speiseeis während einer Hochgebirgstour malträtieren - und bevor ich wieder mit den Tempos irgendwo im Busch sitze... Zuvor verlief die Fahrt entlang des malerischen Vallee di Eores sehr entspannt, spätestens in Höhe des Ortes St. Georg - in dem ich auch mal wieder zwei Serpentinen durchfahren durfte - hatte die sich zur nähernden Mittagszeit hoch stehende Julisonne den kühlenden Schatten der Bäume bereits auf ein sehr geringes Maß verkürzt. So langsam wurde mir dann auch wieder warm, doch ein annähernd hoher Schweißverlust wie am Vortag war nicht zu beobachten. So machte ich am Palmschoß die erste kleine Pause, die anschließende kleine Abfahrt hinunter Richtung Talschluss, mit Blick auf die Wand des Weißlahngrats, diente ebenfalls zu Erholungszwecken.

Villnösser Tal, GeislergruppeDer weitere kurze Anstieg zur Abzweigung, an der die Straße mit der aus dem Villnösser Tal zusammentrifft war geschenkt, nicht mal Hausbergniveau. Die kurze Überlegung, noch hoch auf das Würzjoch zu fahren ergab, mir das kilometerlange Gehügel doch zu sparen - die rund 60 km waren für heute genau richtig. Schließlich bin ich noch mindestens 4 Tage hier (und morgen stand die Königsetappe an), sonderlich spannend oder fordernd war die Strecke von diesem Punkt nicht mehr. Also rechts ab in die rasante Abfahrt hinunter ins Tal, abschnittsweise auf richtig feinem neuem schwarzem Asphalt. Natürlich ist das Würzjoch ein eher unbedeutender Pass - ich war trotzdem überrascht, wie schmal das Sträßchen doch war - da ist bei uns manch Wirtschaftsweg breiter. Den Wald verlassend, wird der Blick frei auf das malerische Villnösser Tal, gegenüber ragten im Gegenlicht die imposanten Spitzen der Geislergruppe in die dunstige Luft. Der Rest der Abfahrt bis in den Talkessel diente nochmal zur Erholung. Die Temperatur erreichte so langsam auch wieder Backofenwerte.

Burg Klausen, EisacktalRecht unvermittelt am Ende einer kleinen Schlucht im Eisacktal angekommen, bot sich dem Genießer landschaftlicher Besonderheiten der schöne Blick auf die Burg oberhalb des Ortes Klausen - gelegen auf einem steilen, hochaufragenden Felsen. Dem visuellen Genuss folgte nun aber noch mal recht harte Arbeit - hoch nach Feldthurns, direkt am Sonnenhang in der Mittagshitze. Eigentlich Pfälzerwaldniveau, 310 Höhenmeter - nur halt ohne Bäume. Spätestens dort hoch fragte ich mich, ob die Südtiroler ein bestimmtes Kraftcereal in ihr Müsli tun. Die Beine waren inzwischen zwar auch wieder etwas müder, der immer noch runde Tritt wurde nur von einer Baustellenampel jäh unterbrochen. Trotz allem noch einmal eine Steiggeschwindigkeit von runden 970 hm/h. Nach dem moralischen Tief am Timmelsjoch und Jaufenpass keine 24 Stunden später eine nicht wirklich flache Tour mit 1650 Höhenmetern so entspannt zu Ende zu fahren - das machte Hunger auf mehr. Und dazu sollte sich der folgende Tag besonders anbieten, denn endlich ging es nach dem Vorgeplänkel in die echten Dolomiten - rund um die Sellagruppe. Aber auch heute stellte ich mir wieder die Frage: Wo sind all die anderen Rennradler? An fast jedem Wochentag sieht man in den Untiefen des Pfälzerwaldes mehr Gleichgesinnte als hier.

Den Rest des Tages verbrachte ich im Zimmer bzw. auf dem Balkon, bis mich gegen Nachmittag bei stickiger, schwüler Hitze die Müdigkeit übermannte und ich noch etwas Schlaf nachholte. Das Wetter verschlechterte sich auch, gar ein Gewitter zog auf. Nach dem Nachmittagsschläfchen stellte ich fest, dass die Straßen nass waren und gönnte mir beim Jörgenwirt im oberhalb von Feldthurns gelegenen Schnauders das erste Mal seit Anreise was richtiges, warmes zu futtern - ein doppeltes Schnitzel mit Pommes musste es sein (in Feldthurns hatte der für diese Mahlzeit in Frage kommende Oberwirt wegen Urlaubs noch geschlossen). Im Hintergrund der gegenüberliegenden Talseite strahlten die Spitzen der Geislergruppe im Licht der durch einzelne Wolkenlücken scheinenden Abendsonne. In diesen Tagen stellte ich auch interessiert fest, dass das Vorabendprogramm von ORF und SF1/2 im Vergleich zum seichten, verblödenden deutschen noch etliche Perlen umfasst. Und heute war ja noch WM-Finale - für die abendliche Unterhaltung war also auch bestens gesorgt.

Südtirol 2010 - Tag 3 – Grödner Joch, Passo Valparola, Pordoijoch und Sellajoch

LangkofelHerrlich, strahlend blauer Himmel über dem Eisacktal; beste Voraussetzungen also für die Königsetappe. Nicht unbedingt von der Schwierigkeit, sondern von der landschaftlichen Seite her aus betrachtet. Bereits vor dem Frühstück packte ich um zeitig losfahren zu können alles ins Auto, was ich für die Tour benötigte: Trinkflaschen, Radcomputer, Regen-/Windjacke, Karte etc. Das Rad lag schon seit dem Ende der Tour gestern wieder im Kofferraum. Von der ursprünglich anvisierten Variante Grödner Joch, Passo Valparola, Passo Giau, Passo Fedaia und Sellajoch nahm ich gedanklich bereits nach Tag 1 wieder Abstand - die Tour gestern war zwar ermutigend, aber nochmal weit über 3000 Höhenmeter wollte ich allein nicht riskieren - und in der schwülen Luft waren jederzeit Schauer und Gewitter möglich, wie man gestern Nachmittag sehen und hören konnte. Nachdem ich mich beim Frühstück überwiegend mit mehreren Wurstbrötchen gestärkt hatte, ging es mit dem Auto auf die etwa 35 km lange Fahrt hoch durch das Grödner Tal bis zur Abzweigung der Straße zwischen Sellajoch und Grödner Joch, die den Startpunkt für meine heutige Tour darstellte. Während ich mein Rad auslud und mich startbereit machte, kam von Wolkenstein her kommend auch wieder die kleine Gruppe mit Basso-Rädern an mir vorbei, die ich kurz zuvor überholt hatte. Einer fuhr auch exakt das gleiche Modell (Astra 2009), welches ich mir im April erst zugelegt hatte. Mein altes Canyon Passione hatte schon über 110.000 km auf dem Buckel und sich somit seine Rente, bei noch gelegentlicher Nutzung als Schmuddelwetter-Rad, mehr als verdient.

Valarola, CassianoImposant erhebt sich im Westen der Langkofel in den tiefblauen Himmel. Während ich gemütlich die angenehm ansteigende Straße hinauf zum Grödner Joch pedaliere, kann ich den Blick immer wieder nur mit Mühe von dieser vom Standort betrachteten fast 1200 Meter höheren, fast senkrechten Felswand losreißen - wie gemalt, dazu noch die perfekten Lichtverhältnisse, traumhaft. So macht Rennradfahren (und fotografieren) Spaß. Aber auch der Ausblick nach dem Flachstück auf die Straße des Grödner Jochs verleiht Flügel, es macht unheimlich viel Spaß, die Serpentinen hoch durch grüne Wiesen - mit besser werdendem Blick ins Grödner Tal - zur Passhöhe zu durchfahren. Oben angekommen erweist sich die frühe Startzeit zumindest beim Blick nach Osten auf Corvara dann aufgrund des grellen Gegenlichts als kleiner Nachteil, sei es drum. Die Abfahrt hinunter stellt sich was die Beschaffenheit des Straßenbelages angeht dann auch als überraschend anspruchsvoll heraus - nach durchbrettern eines tiefen Schlaglochs verabschiedet sich eine meiner Trinkflaschen in Richtung Straßengraben - zum Glück bleibt sie dicht und ist auch schnell wieder auffindbar. Einige Foto-Stops folgten - und kurz nach dem Ortsschild im touristisch doch arg überlaufenen Corvara dann auch das zweite Mörderschlagloch: dieses Mal hüpft die Flasche wieder raus - und verteilt den gesamten klebrigen Inhalt auf der Straße - einer der zahlreichen Touristen ist so freundlich, sie für mich aufzuheben; na toll, dann kann ich diesmal sehr früh auf einen Brunnen zum nachfüllen hoffen. Die Abzweigung hoch zum Passo Campolongo - dem niedrigsten Pass und gleichzeitig Tor zur kürzesten Variante der Sellarunde - lasse ich rechts liegen und fahre nun im schattigen und noch einigermaßen frischen Corvaratal weiter talabwärts Richtung La Villa, wo rechts die Straße zum Passo Valparola abzweigt, am tiefsten Punkt der heutigen Tour auf über 1390 Metern über dem Meer. Willkommener Nebeneffekt der „fast“ bolivianischen Höhenverhältnisse war, dass die Temperaturen sich den ganzen Tag über auf idealem Radfahrniveau bewegten, nicht vergleichbar mit der Affenhitze in St. Leonhard auf 695 m.

Valarola, FalzaregoDas Valle di Cassiano steigt zu Beginn nicht sonderlich stark an, immer wieder wird es kurzzeitig etwas flacher, dann mal wieder eine kleinere steilere Rampe. Nachdem St. Kassian durchfahren ist, nimmt der Verkehr spürbar ab; ein längeres nur leicht ansteigendes Stück bis zum Ristorant Sciare dient noch einmal zur Erholung und Kräftesparen, ehe die letzten 500 Höhenmeter auf dem Programm stehen, die zwischenzeitlich mit über 9% Durchschnittssteigung auf über 4 Kilometern aufwarten; linkerhand hat man im unteren Teil direkt die vorgelagerten Wände des Massivs der Conturinespitze vor Augen und mit jedem Höhenmeter ragen über dem südwestlichen Grat mehr und mehr die immer noch schnee- und eisbedeckten Spitzen der Sella-Gruppe in den Himmel. Während im unteren Teil ein romantischer Tannenwald noch ab und an als Schattenspender fungierte, wird der Sonnenschutz so langsam wieder ein Thema; es ist zwar noch relativ früh, aber die Sonne zeigt auch heute wieder, was sie zu leisten imstande ist. Serpentinen hat der Valparola auch recht wenige zu bieten, immer wieder hat man längere gerade Abschnitte zu bewältigen, was bei 8 bis 12 % Steigung und teils einstelliger Geschwindigkeit in gewissen Situationen besonders demoralisierend wirken kann. Aber das ist heute nicht der Fall, ich hab mal wieder Spaß. Spaß, den kaum jemand nachvollziehen kann, der niemals mit dem Rad einen Alpenpass bezwungen hat. Im steileren Stück kurz nach der Grenze zwischen Südtirol und der Region Venetien überhole ich ein italienisches Pärchen, im malerischen Abschnitt entlang der unzähligen zerklüfteten grau-weißen Felsbrocken vor der Passhöhe noch einmal ein paar andere, was mir Bestätigung für die Vermutung liefert, dass ich so langsam gar nicht unterwegs gewesen sein kann, wie ich zeitweise gedacht habe. Wo genau der eigentliche (im ersten Weltkrieg hart umkämpfte) Pass liegt, konnte ich bislang nicht rausfinden - ich vermute mal vorne an der Gaststätte oberhalb des mystisch, grün-blau schimmernden Valparolasees; die Straße steigt Richtung Falzarego aber durch ein weites Felsental noch einmal leicht an, an dessen höchstem Punkt auch das Passschild steht. An die militärische Bedeutung des Passes erinnert noch das ehemalige österreichische Fort Tre Sassi auf der rechten Straßenseite, welches auch ein kleines Museum beherbergt, vor dessen Eingang auch ein Soldat in historischer Montur posierte.

Livinallongo del Col di Lana, SellaNach der Überfahrt des Passes (bzw. des Kulminationspunkts) folgt die kurze Abfahrt hinunter Richtung Passo Falzarego, der sich und dessen mäandernde Passstraße von hier oben perfekt eingebettet in die malerische Dolomitenlandschaft präsentiert und mit Verzückung anschauen lässt. Vom touristisch im Gegensatz zum Valparola stark frequentierten Pass selber hat man dann wiederum einen schönen Blick auf den imposanten Hexenstein, ehe man sich in die Abfahrt hinunter in die mehrere Orte umfassende Gemeinde Livinallongo del Col di Lana oder - einfacher auf Deutsch: Buchenstein - stürzt; zwischenzeitlich auch mit herrlichem Blick hoch zur über 3225 Meter hohen markanten Tofana de Rozes. Unterwegs bot sich am Wegesrand genau rechtzeitig ein Brunnen herrlichsten, klaren, kalten Bergquellwassers zur Nachfüllung meiner inzwischen beiden leeren Radflaschen und allgemeiner Erfrischung an. Man erreicht (sofern man weiter Richtung Pordoi und Arabba fährt) auch nicht den Talgrund, sondern folgt der Straße über mehrere Kilometer recht eben bis leicht ansteigend oberhalb des Buchensteintales. Passt mir ganz Recht, hinter dem Hang zur rechten Seite wird mehr und mehr der Blick frei auf das beeindruckende Sella-Massiv. Allerdings quellen die Wolken über den Bergen nun immer stärker, kurz vor Arraba wird es sogar zwischenzeitlich richtig schattig. Und mir springt auf freier Strecke mal wieder völlig unvermittelt die nagelneue Kette runter, Scheiß Shimano-Krempel, die nächste wird wieder ne Campa...

Pordoi, Tofana di RozesArabba ist schnell erreicht, an der Abzweigung zwischen Pordoi und Campolongo betätige ich die Zwischenzeittaste am Polar und befinde mich nun endgültig im „offiziellen“ Anstieg zum Pordoijoch. Endlich wieder Serpentinen, grade im unteren Teil fühlt man sich ein wenig wie in einer Achterbahn, links, rechts, links, vor, zurück, rechts, links... Mitten durch grüne Wiesen, leider unter inzwischen völlig grauem Himmel. Die Beine sind auch nicht mehr ganz so frisch, die düsteren Wolken lassen die Befürchtung aufkeimen, heute eventuell doch noch nass zu werden; das erste Mal im Hochgebirge Opfer eines berüchtigten Wetterumsturzes zu werden. Und grade heute hab ich die Regenjacke nicht mit, besonders warm war es inzwischen auch nicht mehr. Aber es hielt, über dem Pordoi waren immer wieder blaue Lücken zu sehen, die moderate Steigung kam mir sehr entgegen und so konnte ich dank der Übersichtlichkeit der Passstraße mit seinen zahlreichen Windungen immer wieder vor mir ein Opfer erspähen, auf welches es aufzuschließen galt. So kurbelte ich Höhenmeter für Höhenmeter relativ unkompliziert nach oben und erreichte dann bald auch die sich – nicht zu Unrecht – vor (überwiegend motorisiertem) Besuch kaum noch retten könnende Passhöhe des Pordoi. Und ganz unvermittelt zwischen Gaststätten, Hotels und den Ausläufern der Sellagruppe lugen die Zacken zwischen Plattkofel und Langkofel, letzterer noch verdeckt, hervor. Die Fotosession dauert entsprechend lange, in der Ferne erhebt sich gen Osten in den grauen Wolken im Hintergrund eines Kriegsdenkmales wieder die Tofana de Rozes, man kann fast die gesamte Straße hinunter nach Arabba einsehen; nach Westen der bereits angesprochene wunderschöne Blick hinüber zu den Drei Zacken - welcher in der Abfahrt Richtung Canazei nochmals an Schönheit hinzugewinnt; das Sellajoch, mittig in der Lücke zwischen Langkofelgruppe links und dem Piz Ciavazes rechts, gelegen. Diese einmalige landschaftliche Szenerie hat den Blick vom Grimselpass auf Rhone-Gletscher, Belvedere und Furkapass von Platz eins der schönsten Alpenpanoramen verdrängt!

Sella, LangkofelDie Abfahrt war recht kurz, die Wolken scheinen sich immer noch nicht entschieden zu haben, ob sie sich ihrer nassen Fracht entledigen sollen oder nicht. Noch mit Schwung aus der Abfahrt kommend in den rund 400 Höhenmeter umfassenden Anstieg zum Sellajoch rauschend springt mir beim runterschalten schon wieder die Kette runter. Leicht genervt und mit so langsam wieder müderen Beinen bahne ich mir den Weg entlang der teils senkrechten Felswände des Piz Ciavazes. Am Straßenrand laden unzählige Parkbuchten und Bänke zu spontanem Picknick ein. Aber dafür hat ein echter Sportler ja keine Zeit, der Tritt wird gerade in den steileren Abschnitten (die man nicht so steil wahrnimmt, wie sie in Wahrheit sind) dann doch zeitweise recht schwer. Aber was sind noch die paar Höhenmeter. Die letzten Serpentinen und ich bin schon wieder oben. Am Fuße des Langkofel, wieder eine wunderbare Aussicht . In alle Richtungen, auf Canazei, die Marmolata oder Richtung Grödner Tal. In der nur noch kurzen Abfahrt zum Auto halte ich mehrmals an, um die Sellatürme und die Straße hoch zum Grödner Joch zu fotografieren, inzwischen ist mir auch richtig kalt, denn die Wolken sind nochmal einen Tick dichter geworden, vereinzelt spüre ich gar den ein oder anderen Tropfen. Erschöpft, aber nicht entkräftet erreiche ich das Auto, lade das Rad ein, sehe noch einen Kollegen berghoch radeln, schlage die Kofferraumtür zu - und schon öffnet der Himmel so richtig seine Schleusen. Punktlandung, keine Minute zu früh und zu spät. Die wahrscheinlich schönste Tour meines bisherigen Lebens!

Sella, Langkofel, PlattkofelHinter Wolkenstein waren die Straßen schon wieder trocken, die Sonne kam raus. Und in Feldthurns angekommen, brannte schon wieder die Nachmittagssonne vom nur teils quellbewölkten Himmel über dem Eisacktal – am Ortseingang wurde deutlich, dass im kleinen Schwimmbad von Feldthurns auch heute wieder sehr viel los war. So nutzte ich den Rest des Nachmittages für einen Einkauf beim Bäcker und im kleinen Ortslädchen, dort erwarb ich neben Unmengen an Süßigkeiten (Kohlenhydrate!) noch ein ideales 4-teiliges Kartenset im Maßstab 1:50.000 vom Kompass-Verlag, welches ich im Laufe des Tages noch ausgiebig studierte. Weitere Zeit verbrachte ich mit lesen und dem bereits erwähnten qualitativ hochwertigen Schweizer- und Österreicher Vorabendprogramm. Für morgen verkündeten die Meteorologen eine relativ hohe Gewitterwahrscheinlichkeit, so entschloss ich mich, den geplanten Ruhetag morgen dann auch einzuhalten und diesen größtenteils im Schwimmbad zu verbringen – Lesestoff hatte ich mir mehr als genug mitgenommen.

 

 

 

Südtirol 2010 – Tag 4 – Karerpass und Nigerpass

Der gestrige Ruhetag hat mir gut getan. Während ich im Schwimmbad lag, quellten über den umliegenden Bergen immer wieder teils recht dunkle Wolken, ich nehme mal an, dass es über den Bergen schon den ein oder anderen Schauer gab; also alles richtig gemacht. Unzählige Stunden lang in im Schatten eines Baumes liegend ein spannendes Buch zu lesen war wegen des stressigen Steuerrechtsstudiums (okay, manch krankes Hirn findet sicher auch daran etwas Spannendes...) in den letzten beiden Jahren zum richtigen Luxus geworden.

FassatalHeute sollte es über die schöne Serpentinenstraße hoch nach Steinegg gehen, weiter über die Hochstraße mit schöner Aussicht auf die Gipfel des Rosengartens nach Welschnofen, Karerpass, runter ins Fassatal und zurück über den Nigerpass. Die Anfahrt mit dem Auto nach Blumau verlief unkompliziert, die Suche nach einem Parkplatz am Straßenrand weniger. Und schon während der Fahrt versaute mir ein vor Blumau aufgestelltes Umleitungsschild erst einmal die Laune – die Straße hoch nach Steinegg war gesperrt – und ich wollte es nicht riskieren, eventuell nach der Hälfte des Anstieges umdrehen zu müssen. Also vorm losfahren Alternativen gesucht, die einzige realistische war die, runter nach Kardaun zu fahren und den Karerpass halt von ganz unten zu bewältigen. Mit nur rund 350m über Normalnull erreichte ich auch erstmals die Höhe meines Wohnortes. Entsprechend heiß war es auch hier unten schon am frühen Morgen.

RosengartenSo ging es halt erst einmal den auf einer alten Bahnlinie verlaufenden Eisacktalradweg runter Richtung Bozen, Anfangs auch durch einen längeren beleuchteten Tunnel. Vor Kardaun verirrte ich mich im Gewirr aus Abbiegungen und Autobahnanschlüssen und drehte dann 2 km weiter beim ersten Bozener Ortsschild um. Ich sollte einfach den Einstieg ins Eggental nicht finden, nirgends war etwas ausgeschildert, meine mitgenommene notdürftige ausgedruckte Autoroute-Karte half mir auch nicht weiter. Nur die neue Straße nach Welschnofen – und die führte durch zwei längere Tunnel. Zweifelnd fuhr ich langsam weiter gen Tunneleingang, konnte aber keine Verbotsschilder für Radfahrer wahrnehmen. Also hat man scheinbar die alte Straße dicht gemacht und zwingt nun alle durch die Tunnel. Na toll. Kein Rücklicht dabei, wenigstens die Reflektoren an der Satteltasche und an den Pedalen. Aber die waren auch nicht nötig, der Tunnel war wohl entsprechend der Mitnutzung von Radfahrern taghell erleuchtet, die Breite der Straße ließ auch dem Schwerverkehr ausreichend Platz zum Vorbeifahren. Ich hatte die ganze Zeit die Befürchtung, ich dürfe hier eigentlich gar nicht fahren und jeden Moment kämen die Carabinieri, um mich per Staatstaxi zum Ausgang zu geleiten. Da mich die anderen motorisierten Verkehrsteilnehmer jedoch nicht anhupten und auch nicht nervös ihr Fernlicht aufflackern ließen, musste ich dann doch richtig sein. Aber angenehmes Radfahren ist was anderes; die Luft war schwül und stickig, trotz der Absaugsysteme an den Decken atmete man Unmengen stinkender Abgase ein. Als ich das kurze Stückchen zwischen den beiden Tunneln erreichte, schnaufte ich erst einmal kräftig durch. Die Suche nach einem Einstieg auf die alte Straße verlief jedoch wieder erfolglos, also rein in die nächste Röhre. Hier könnte man fast die Lust auf’s Radfahren verlieren. Doch endlich Licht am Ende des Tunnels – und es war nicht der entgegenkommende Zug. Am Ausgang dann nochmal umgesehen – keine alternative Ausfahrt ins Eggental erkennbar. Schade, denn wie mir eine motorradfahrende Arbeitskollegin hinterher erzählte, war die Eggenschlucht früher eine traumhafte Passage, die jedoch wegen mehrerer Felsstürze auch nicht gerade ungefährlich war und wohl auch deshalb mit den Tunneln umgangen wurde.

Tierser Tal, BozenBis Birchabruck, wo die Straße zum Lavazejoch abzweigt, ist das Eggental recht unspektakulär, die Straße steigt nur leicht bis mäßig an und ist so recht angenehm zu fahren. Bis Welschnofen ging es dann auch auf teilweise schnurgeraden Straßen mit einem etwas längeren, aber weit weniger stinkigen Tunnel. So langsam zog die Steigung dann auch wieder an über rund 7 km mit 8 %, vorbei am mystisch blau-grün schimmernden Karersee, den ich mir leider nicht näher angesehen habe. Kurz vor den die einmalige Landschaft verschandelnden Touristenburgen im "Feriendorf" Karerpass flachte die Straße dann wieder ab, um (von einer steileren Rampe mal abgesehen) bis zur Passhöhe mit unter 4 Steigungsprozenten sanft auszulaufen. Hinter mir lagen immerhin 26 Kilometer Anstieg mit 1401 Höhenmetern nonstop, die sich nicht sonderlich in den Beinen bemerkbar gemacht hatten. Auf der Passhöhe machte ich die üblichen Erinnerungsbilder, da aber bereits im Anstieg die Wolken Blumenkohlartig munter vor sich hin quellten, war heute fototechnisch nicht viel zu holen.

EisacktalBis die eigentliche Abfahrt ins Fassatal begann, ging es noch gute 3,5 km lang flach bis minimal absteigend entlang vieler einladender Park- und Rastmöglichkeiten. Vor Vigo di Fassa konnte man noch die ein oder andere schöne Aussicht genießen, unter anderem hoch zum Langkofel und der Sellagruppe. Die Rosengartengruppe war auch leider von dieser Seite schlecht einzusehen; ich fuhr ab bis zur stark befahrenen Straße bei San Giovanni und drehte dann um. Der Anstieg war mit rund 400 Höhenmetern und abgesehen von einem steileren Kilometer keine sonderlich große sportliche Herausforderung. Am Straßenrand füllte ich wieder mit sauberem Bergquellwasser meine Trinkflaschen auf und erreichte auch bald wieder die Karerpasshöhe. Ohne Stop ging es weiter den minimalen Gegenanstieg rechts hoch Richtung Nigerpass.

Die Hoffnung, entlang der Hochstraße entlang des Rosengartens nun doch noch das ein oder andere schöne Foto machen zu können wurde von tiefhängenden, dicken Wolken zunichte gemacht. So erreichte ich bald den höchsten Punkt, richtig steil ins Tal fällt die Nigerpassstraße jedoch erst hinter dem Passschild hinab. Und sie ist verdammt steil, besonders kurz vor dem Ortseingang von St. Zyprian! Überrascht war ich von der guten Qualität des Asphaltes, so dass auch ein absoluter Feigling wie ich es auch mal beruhigt ein wenig rollen lassen konnte. Ab St. Zyprian fährt man dann runde 10 km lang leicht fallend bis leicht ansteigend am nördlichen Rande des Tierser Tales. Aus diesem heraus kann man über Breien auch hoch zum Nigerpass bzw. runter nach Blumau fahren; hier warten dann Steigungsprozente jenseits der 20 auf den wagemutigen Radsportler. Da die Sonne wieder erbarmungslos vom Himmel brannte, kam ich bei brütender Hitze so langsam wieder ins Schwitzen – in der grauen Pampe oben am Nigerpass überlegte ich noch kurz, in die Windjacke zu schlüpfen, so schnell kann es gehen. Die Straße entlang des Tales bietet einem grandiose Ausblicke, unter anderem hinunter bis in die Alpengroßstadt Bozen. Nachdem man den ekelhaft leicht ansteigenden Buckel hinter der Völser Aicha hinter sich gebracht hat, wird der fantastische Blick frei nach Norden – man sieht von hier sehr weit das Eisacktal hinauf, am rechten Rande liegend die Gemeinde Völs am Schlern. Die folgende Abfahrt ist wieder recht rasant, weiter unten hat man einen schönen Blick auf das Tal und eine der Hauptverkehrsachsen Europas, die aus unzähligen Brücken- und Tunnelbauwerken bestehende Brenner-Autobahn. Blumau ist schnell erreicht, bis zum mitten in der Sonne stehenden Auto ist es auch nur noch ein Katzensprung. Nach der Ankunft habe ich erst mal alle 5 Türen geöffnet, um die brutale Hitze einigermaßen entweichen zu lassen, dann das Rad eingeladen und machte mich auf den Rückweg. Eine durchaus schöne Tour, die Variante über Steinegg wäre mir aber wesentlich lieber gewesen. Und erstmals hatte ich was das Fotografieren angeht am Rosengarten so richtig Pech mit dem Wetter.

Südtirol 2010 – Tag 5 – Penser Joch (beidseitig)

Penser JochTag der Abreise, gestern Abend wurde schon alles weitestgehend eingepackt und teils schon ins Auto eingeladen. Noch einmal langte ich beim Frühstück ordentlich zu, verabschiedete mich von der Gastgeberin und machte mich unter einem wechselnd bewölkten Himmel auf den Weg Richtung Brenner. Für die abschließende Tour hatte ich mich gestern Abend nach etwas längerer Überlegung für das Penser Joch beidseitig entschieden. Mit 60 km nicht zu lang und nochmal knapp über 2100 Höhenmeter, dazu auf dem Weg liegend und sicher auch vom Namen her ein Pass, den man mal gefahren sein sollte. Vom Profil her wartete da einer der übelsten Anstiege auf mich, die ich bislang in Angriff nahm: 8,8 Prozent durchschnittliche Steigung auf 14,4 Kilometern, macht 1263 Höhenmeter. Von den Zahlen her gar nicht so weit weg vom Mortirolo, in etwa vergleichbar mit dem Glaubenbielen in der Schweiz. So fuhr ich kurz vor Sterzing von der Strada Statale 12 links ab und fand auch sehr schnell einen idealen, schattigen Stellplatz für mein Auto am Fuße des Anstiegs zum Penser Joch.

Penser Joch, Sterzinger Seite, Blick hoch zum AlpenrosenhofUmziehen musste ich mich nicht, dass hatte ich schon in der Pension gemacht. Also gleich auf das Rad geschwungen, um kurz einzurollen ein kurzes Stück zur Brücke über den Ridnauner Bach und schon ging es los. 1 km relativ leicht ansteigend und rein in die erste Rampe durch dichten Tannenwald. Bis zur ersten und einzigen nennenswerten Einkerbung, den Nössl-Graben verläuft die Straße leicht schlängelnd immer entlang des schattigen Nordhangs gen Südosten. In jener Einkerbung durchfährt man auch einen beeindruckenden Felsdurchstich und kann linksseitig die erste schöne Aussicht hinunter ins Eisacktal genießen. Danach hat man auch die erste heftigere Passage hinter sich, bislang lag die Steigung eigentlich nie unterhalb der 10 Prozent. Konstant kurble ich mit um die 12 km/h weiter durch das dichte Nadelgehölz nach Südosten, ehe die Straße kurz vor Egg mit dem Eintritt ins Egger Tal einen Richtungswechsel nach Südwest vollzieht – ab jetzt scheint die Sonne schon am Vormittag unerbittlich auf den Hang, doch der immer noch dichte Wald bietet zumindest ausreichenden Schatten, zuvor hat man aber noch einmal einen letzten schönen Blick hinunter ins Eisacktal und auf die gegenüberliegenden Pfunderer Berge. Egg ist nicht mehr als eine kleine Ansammlung einzelner Hütten und einer Gastwirtschaft, hier darf man dann auch mehr oder weniger schwungvoll die ersten beiden Serpentinen des heutigen Tages mitnehmen. Und schon kurz danach weiß man mit einem Blick nach oben, was man noch zu leisten hat: Die Passhöhe mit dem Alpenrosenhof ist am Horizont erkennbar. Und sie will erst einmal einfach nicht näher kommen, gefühlt unendlich lange fährt man ohne nennenswerten Richtungswechsel durch den langsam lichter werdenden Wald den Hang entlang. Die ersten Kollegen werden eingeholt. Und erst jetzt wird mir bewusst, wie flüssig es heute überhaupt eigentlich läuft – angesichts der Steigung ist der Tritt runder, wie er kaum sein könnte; als hätte ich in den letzten 5 Tagen nicht bereits rund 9000 Höhenmeter bewältigt. Der Gedanke beflügelt zusätzlich, heute macht es wieder unheimlich Spaß, den Körper zu schinden; der Puls spielt auch mit, pendelt überwiegend im orangen Bereich. Dann endlich mal wieder eine Serpentine, kurz danach die zweite und schon hat man die Baumgrenze überschritten. Auf der rechten Seite der Hang und rundherum grüne Almwiesen. Und der Blick nach oben zum Pass, der nicht mehr ganz so weit entfernt ist wie vorhin. Aber bis ich ihn erreicht habe, vergeht noch ordentlich Zeit, tropft noch einiges an Schweiß auf den Asphalt und auf das Oberrohr meines Rades. Es hat sich leider zwischenzeitlich wieder ziemlich zugezogen, auch heute quellen über den Bergen wieder die Wolken munter vor sich hin, schwülwarm ist es trotzdem. Nach 1:07:45 Stunden erreichte ich die Passhöhe und genieße erst einmal die schöne Aussicht in alle Richtungen und bemerke das Werbeplakat für das Jedermann-Bergrennen am Penser Joch. Wär ja mal interessant... Die Windjacke kann ich mir für die Abfahrt heute auch wieder sparen; nach ca. 15 min. Pause geht es hinunter ins Sarntal.

Penser Joch, Sterzinger Seite, nach den letzten beiden SerpentinenDie Abfahrt ist ein Traum für jeden Geschwindigkeitsfanatiker, die ersten 5 km sind nicht minder steil als jene der Sterzinger Seite, die Straße ist breit und gut ausgebaut, auch der Asphalt weist im Vergleich zu manch anderer Passstraße eine der besseren Qualitäten auf, dazu durchfährt man im Grunde nur eine wirklich enge Serpentine, die Straße wurde geschickt unter Ausnutzung der topographischen Gegebenheiten in die Landschaft gebaut und kommt mit sehr wenigen Richtungswechseln aus. Neun Fotostops unterbrechen die rasante Abfahrt mit der für meine Verhältnisse beachtlichen Maximalgeschwindigkeit von 73,8 km/h hinunter ins Sarntal immer wieder. Nach der Serpentine führt die Straße rechts am Hang entlang hinunter in den Talschluss unterhalb des Passes, rasant geht es weiter entlang der Astenbergalm zur nächsten Serpentine unterhalb des Weißhorns. Dann folgt wieder ein nicht enden wollender, nicht mehr ganz so steiler Abschnitt in einem weiten Rechtsbogen um einen Ausläufer des Weißhorns, ehe man mehr und mehr in das Penser bzw. Sarntal einläuft. Bei Pens flacht die Straße dann endgültig spürbar ab, ich fahre noch bis zur Brücke bei Weißenbach ab und drehe dort.

Penser Joch, Sarntaler Seite, Blick auf Astenbergalm und WeißhornHinter mir lag nun eine 13,3 km lange Abfahrt, auf der ich 876 Meter Höhe verloren habe, bei durchschnittlich 6,6 Prozent Gefälle. Die galt es nun, wieder wettzumachen. Getränketechnisch war ich noch gut versorgt, eine dreiviertel volle Trinkflasche sollte ausreichen bis zur Passhöhe. Die Sonne schien auch wieder etwas öfter zwischen den Schäfchenwolken hindurch. Der Anstieg lässt sich in vier Sektoren unterteilen, der erste entlang der kleinen Ortschaften im bewohnten Talgrund steigt leicht mit ca. 4 Prozent an, dem schließt sich ein Flachstück von ca. 1 km Länge an. Erst hinter Pens geht es dann wieder sportlich anspruchsvoller zur Sache, die Beine sind auch nicht mehr ganz so frisch wie zu Beginn der Tour, aber bis zur Kehrtwende am Fuße der Astenbergalm ist bei einer Steigung von 6 bis 8 Prozent ein runder Tritt bei konstant 14 bis 15 km/h ohne weiteres möglich. Immer wieder schießen mir die Kollegen entgegen, die wie ich zuvor auf dem Weg hinunter ins Sarntal sind. Am Hang der Astenbergalm entdecke ich einen ganz klischeehaft bekleideten kleinen Geißenpeter in der Einsamkeit der Gebirgswelt – auf dem Weg zu seiner Heidi? Halluziniert habe ich nicht, auch wenn die Steigung inzwischen wieder die Gemütlichkeitsschwelle überschritten hat, die 5 km bis zur Passhöhe, auf der fast 500 Höhenmeter überwunden werden müssen, erfordern doch noch einmal die Abberufung gewisser körperlicher und geistiger Reserven; es gilt wieder einmal, den Tacho nicht ins einstellige fallen zu lassen. Aber ich wundere mich wieder – es funktioniert, mit ziemlich konstanten 12 km/h erreiche ich den Talschluss, umfahre die Serpentine am Stierberg und schon taucht nach der Rechtskurve auch schon wieder der Alpenrosenhof auf. Die folgenden 2 km sind nur noch anfangs steil, zum Pass hin flacht die Straße wieder ein klein wenig ab - und schon bin ich wieder oben, auf 2211 Metern über dem Meer. Und nochmal eine Steiggeschwindigkeit von über 1000 hm/h erreicht, zufriedener hätte ich nicht sein können. Mit etwas Wehmut an den Gedanken, dass es die letzten Höhenmeter für dieses Jahr in den Alpen gewesen sind, machte ich mich auf den Weg hinab zurück ins Eisacktal, wieder einmal unterbrachen unzählige Fotostops die rasante Fahrt. So kam ich dann bald am Auto an, lud das Rad ein, machte mich notdürftig mit Wasser und Waschlappen einigermaßen frisch und begab mich auf den langen Weg nach Hause. Im Allgäu wollte ich eigentlich am Weissensee noch einen kurzen Bade-Stop einlegen, aber über Österreich und ganz Süddeutschland lag an dem Tag eine dicke, graue und kühle Wolkendecke - was zumindest die Fahrt klimatisch recht angenehm machte. Auf der A8 stand ich dann doch mal wieder im Stau, aber sonst verlief die Fahrt relativ unkompliziert. Völlig erschöpft kam ich dann am frühen Abend zu Hause an.

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© 2010/2011 Dennis Schneble