Fahrbahnangst?

Man möge mir meine regelmäßig bissigen Hinweise auf den gemeinen Gehwegradler verzeihen – aber wenn ich dann wieder einmal bei meiner Fahrt durch die Städte und Orte der Region haufenweise gestandene Mannsbilder wie ängstliche kleine Kinder auf den Gehwegen rumfahren sehe, kann ich nur noch mit den Augen rollen. 🙄 Gehwegfahren ist nämlich rechtswidrig, riskant, gefährlich und bestärkt vor allem beim Fußgänger (dessen Schutzraum man missachtet) das Vorurteil des „Rüpelradlers“!

Ich möchte mich eigentlich auch nicht einmal darüber lustig machen, da ich weiß, dass hier oft tiefsitzende Ängste im Spiel sind. Ängste sind aber in sehr vielen Fällen nicht rational oder berechtigt, wenn man mal objektive Maßstäbe anlegt. Und ich halte meinen“ Radfahrer-Lebenslauf“ in der Hinsicht für durchaus aussagekräftig! Denn (die quasi ausnahmslos autofahrende) Familie und Freunde prognostizierten schon früh und ständig, dass ich ganz sicher ziemlich bald totgefahren oder im Krankenhaus landen würde, weil es da draußen auf der Straße ja so unheimlich gefährlich sei. Vor allem auch, weil ich ja zu allem Überfluss gar unvernünftigerweise ohne „Helm“ fahre… 😉 Nunja, ich lebe immer noch, irgendwas mach ich wohl verkehrt…!?

Wie so ziemlich jeder Radfahrer war ich selbst mal so ein Gehwegradler! § 2 (5) StVO erzieht uns ja gar auch am Anfang regelrecht dazu; vielleicht gilt da bei dem ein oder anderen auch: „was Häns’chen nicht lernt (ab 10 ist der Gehweg tabu), lernt Hans nimmermehr“? Ich kann mich jedenfalls noch gut erinnern, wie ich im Alter von 12 oder 13 Jahren meine ersten Touren vom Dorf in die Stadt gemacht habe (um die Oma zu besuchen); was war das doch für ein „Abenteuer“! Wie sehr war ich eingeschüchtert von den ganzen Autos, den LKW, von Ampeln, Abbiegespuren, Verkehrszeichen…! Auch in mir saß das Vorurteil unheimlich tief, ich hätte doch als Radfahrer „den Verkehr“ nicht aufzuhalten. Sah mich als „minderwertig“ an, als fahrendes „Hindernis“, die Autofahrer seien wichtiger… Hauptgrund für meine Angst waren eben auch die phantasievollen Horrorgeschichten, die mir mein familiäres Umfeld eintrichterte. Obwohl von denen KEINER das Rad je als Verkehrsmittel genutzt hätte…! Und komischerweise fahren heute alle weiterhin Auto – obwohl in all den Jahren gleich mehrere Menschen aus dem Umfeld bei Autounfällen ums Leben kamen; so auch der ältere Bruder eines Kindheitsfreundes. Im Juli 2011 verstarb auch ein junger Anwärterkollege von mir; bei der Heimfahrt nach Feierabend, ein paar KM vor der Haustür… Tote oder schwerverletzte Radfahrer – kenn ich persönlich jedoch: keinen Einzigen!

Es dauerte jedenfalls einige Jahre, gar über die Volljährigkeit hinaus, ehe in mir dann auch Stück für Stück das nötige Selbstbewusstsein reifte, mich im „Kampf“ um meinen Platz auf der Fahrbahn zu behaupten. Ich merkte dann auch, dass es auf den Gehwegen gar nicht so sicher ist – und ich dort auch irgendwie nicht wirklich vorankomme. In Sachen Verkehrsrecht half mir dann natürlich auch der Kfz-Führerschein, der mir im Alter von 18,5 Jahren ausgestellt wurde. Ich fuhr dann 15 Jahre lang auch Auto (bis ich es vor 2,5 Jahren abgeschafft habe) – den Großteil meiner Wege fuhr ich aber all die Jahre weiterhin per Rennrad! Auf allen Straßen, die legal befahren werden dürfen, also auch denen mit richtig viel Verkehr! Und blaubeschilderte Radwege hab ich in den meisten Fällen auch ignoriert; vielleicht ist grade auch das ein Grund, warum mir in all den Jahren im Grunde bislang gar nichts Schlimmes passiert ist…?

307.000 Kilometer – nahezu komplett Unfallfrei!

Nach nunmehr über 307.000 Kilometern (Stand: Mitte Juni 2018) in knapp 20 Jahren auf den Straßen meiner Heimatkreise, Lothringens, des Elsass, Hunsrücks, Luxemburgs, der Eifel, der Nordpfalz, des Schwarzwaldes, der Vogesen und der Französischen, Schweizer und Südtiroler Alpen lässt sich nämlich feststellen: Ich hatte natürlich in all den Jahren auch mehrere leichte Stürze (die nie mehr als Hautabschürfungen verursachten) durch individuelle Fahrfehler – aber nur drei wirkliche Unfälle (mit Fremdeinwirkung). Und die passierten genau an solchen Orten und in solchen Situationen, die man eher nicht als besonders „gefährlich“ betrachtet: Innerorts, auf einem Radweg und in Seitenstraßen.

  1. Im Januar 2011 „übersah“ mich ein Linksabbieger, als ich in Pirmasens die Kreuzung Winzler Straße – Uhlandstraße in nordöstlicher Richtung befuhr; ich „ahnte“ es glücklicherweise vorher, lenkte noch ein wenig ein und knallte dann mit der linken Körperhälfte in die rechte Seite des Wagens. Der (ältere) Fahrer beging sogar ohne Anhalten Unfallflucht; dessen Kennzeichen wurde dann aber geistesgegenwärtig von einem Busfahrer notiert. Der Mann beteuerte, er habe den Zusammenstoß nicht bemerkt; okay – ich bin wirklich kein Hüne – aber trotzdem sollte man es spüren, wenn einem 60 Kilo Körper + 10 Kilo Rennrad in die Seite (eines Kleinwagens) scheppern…! Mehr als ein paar Schrammen hatte ich mir dabei aber nicht zugezogen, auch das Rad bekam nix ab. Dass es so glimpflich ausging, lag aber auch an meiner schnellen Reaktion und meiner Fähigkeit, wenn schon, dann nicht gänzlich unkontrolliert zu stürzen. Denn auch kleinere Stürze sind: wertvolle Erfahrungen!
  2. Der zweite Unfall passierte im Frühherbst 2015 zynischerweise grade auf einem mit Zeichen 240 StVO beschilderten linken Geh- und Radweg(!) an der Biebermühle! Ich habe im ein oder anderen Beitrag schon einmal darauf hingewiesen; dieser Unfall war nämlich der Auslöser meiner Arbeit gegen meines Erachtens gefährliche und rechtswidrig beschilderte Radverkehrsanlagen. Ohne jenes Ereignis würde es diesen Blog nicht geben! Selbst heute mache ich mir immer noch irgendwie Vorwürfe, die Benutzungspflicht damals ausnahmsweise(!) befolgt zu haben. Hätte ich es nicht getan, hätte sich der nette ältere Herr, der mir dort auf seinem E-Bike recht rasant in der unübersichtlichen und engen Kurve entgegenkam, nicht an der Hüfte verletzt. Wir kamen zwar beide noch etwa einen Zentimeter voreinander zum Stehen – er kippte dann aber (wohl auch wegen der Schwere seines Fahrzeugs und der Fliehkräfte) unglücklich auf die Seite. Ich war unverletzt, mein teures Carbon-Rennrad unbeschädigt. Der Weg wurde dann aufgrund meiner Hinweise an die VG Rodalben erstmal rasch linksseitig entschildert, verbreitert und die Sichtbeziehungen verbessert. Ob dort gegenwärtig (wieder) eine Benutzungspflicht links besteht, ist uneindeutig.
  3. Im April 2017 „erlegte“ mich dann mal eine achtlos aufgerissene Fahrertür in einer an sich völlig ungefährlichen(!) und ruhigen Seitenstraße (Kreuzgasse). Es hatte mich schon gewundert, warum das so lange gedauert hat. Man hat es zwar unzählige Male versucht – aber ich konnte immer rechtzeitig reagieren. 😉 Dieses Mal dann nicht; glücklicherweise war es eine Cabriotür (diese absorbierte nachgebend den Großteil der Energie) und ich nicht sonderlich schnell unterwegs. Ich durchbrach dabei mit dem Oberkörper die Seitenscheibe, das Hinterrad stand kurz in der Luft, ehe ich wieder kontrolliert auf beiden Beinen – für einen Moment etwas konsterniert 😐 – zum Stehen kam. Ich zog mir dabei ein paar Schürfwunden an der Hand sowie eine Schulterprellung zu; die herbeigerufene Polizei nahm den Unfall auf. Am MTB musste ein Bremshebel und die Federgabel ausgetauscht werden; die Abwicklung des Schadens inkl. Schmerzensgeld verlief von Seiten der KFZ-Haftpflicht relativ problemfrei. Genauere Analyse: Dieser Unfall passierte eigentlich auch nur aufgrund der Tatsache, dass die Linksabbiege-Ampel (die ist noch nicht soooo alt; vorher gab es hier nämlich nur ein Lichtsignal für beide Spuren) an der Ecke Schäferstraße – Pirminiusstraße nicht auf Radfahrer reagiert(e). So stand ich dort schon teilweise bis zu drei Ampelschaltungen herum, ehe dann mal ein von hinten kommendes Auto die Induktionsschleife auslöste. Auf dem Weg Richtung Kaufland nehme ich von Süden oder Osten (B 10, Lemberg, Erlenbrunn, Niedersimten) kommend daher meist eine Route über die Brunnen- und Kreuzgasse. Resultat: Wie man’s macht…! 😉

Also: 3 (leichte) Unfälle (vor allem ohne ernste Verletzungen) mit Fremdbeteiligung auf über 300.000 Kilometern (ein „paar“ davon natürlich auch auf Wald- und eigenständigen Radwegen). Nach meinem Empfinden deutet eine derartige Datenbasis also auf ein allgemein eher geringes Risiko des Fahrbahnfahrens hin. Sicher etwas subjektiv; aber aufgrund der langjährigen Empirie sicher nicht völlig als Argument vernachlässigbar.

Straßenverkehr nervt – auch auf dem Rad!

Das ist auch kein Bug, sondern ein Feature! 😉 Vielleicht liegt es ja auch ein wenig an der für mich etwas seltsamen Erwartungshaltung, die viele Leute heutzutage haben; vor allem jene, die den Bau von „Radwegen“ gar als Lösung betrachten? Mir persönlich ist bewusst, dass ich als Radfahrer ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer bin. Und ich da halt nun einmal nicht der Einzige auf der Straße bin. Und ich nicht darauf zählen kann, dass alle sich immer umsichtig, rücksichtsvoll und den Gesetzen entsprechend verhalten. „Radwege“ ändern daran nämlich auch nix, im Gegenteil – sie verschlimmern das Ganze nämlich noch; vor allem, da jene das „Revierdenken“ fördern, sie schaffen oftmals viele zusätzliche Konfliktpunkte. Jedenfalls bin ich auch 15 Jahre Auto gefahren, ohne dabei den Anspruch zu haben, dass das (immer) „Spaß“ machen müsste. Und das gilt auch heute fürs Rad – wenn es mal schön läuft, freu ich mich. Wenn nicht, dann halt nicht.

Die Frage lautet halt, ob man selbst das Rad in erster Linie als Verkehrsmittel – oder als Spaß- und Freizeitgerät betrachtet?

In meinen Alltagserlebnissen notiere ich mir ja seit Start des Blogs auch die „fragwürdigen“ Überholmanöver mancher Verkehrsteilnehmer. Aber grade nicht, um damit die vermeintliche Gefährlichkeit des Fahrbahnfahrens zu belegen – im Gegenteil. Denn auch hier gilt: Gemessen an den inzwischen wohl mehreren Millionen KFZ, die mich gefahrfrei überholten, der langen Zeit und der Fahrleistung passiert so etwas im Grunde: nie! Es ist natürlich unangenehm, lästig und man wünscht sich natürlich mehr Abstand (= Respekt) – trotzdem sind diese Situationen nicht unmittelbar „gefährlich“. In all den Jahren auf all den vielen Kilometern wurde ich z. B. noch von keinem einzigen(!) Außenspiegel berührt. Es ist schlicht und ergreifend Normalität, Alltag; es gehört dazu, es störte mich irgendwann nicht mehr wirklich. Ein hin und wieder eng überholendes Auto ist also grade kein Grund, sich deshalb jedes einzelne Mal ins Höschen zu machen – und die Fahrbahn grundsätzlich völlig zu meiden. Man darf einfach nicht jedes an einem vorbeifahrende Auto als potenziellen „Mordanschlag“ betrachten – auch wenn ich bei vielen ängstlichen Leuten genau diesen Eindruck habe!

Ich weiß; es bedarf vor allem am Anfang Überwindung! Aber ich kann einfach nur empfehlen, aus eigenem Interesse(!) die Fahrbahn zu nutzen. Fahrzeuge gehören gem. § 2 (1) StVO: auf die Fahrbahn – und ein Fahrrad ist ein Fahrzeug! Fahrbahnfahren (selbst auf der B 270, um mal ein örtliches Beispiel aufzuführen) ist nüchtern betrachtet: NICHT GEFÄHRLICH! Zumindest nicht gefährlicher, als z. B. auf Gehwegen herumzufahren. Oder Auto zu fahren. Oder Treppen zu steigen…!

Es ist inzwischen wissenschaftlich belegt, dass gar originäre Radwege grade innerorts ein bis zu 11,9-faches Unfallrisiko aufweisen – und das gilt nur für Radwege(!); also wo Autofahrer wenigstens annähernd überhaupt mit Radverkehr rechnen (müssen)! Wer gar meint, es sei dagegen „sicherer“, ständig verdeckt hinter Bäumen und Büschen, parkenden Autos, Fußgängern, an Haustüren, Geschäften, uneinsehbaren Grundstücksausfahrten usw. auf Gehwegen herumzufahren oder gar auch achtlos Einmündungen zu queren, wird unter Umständen dann halt auf sehr schmerzhafte Art und Weise lernen, dass die Fahrbahn evtl. doch sicherer gewesen wäre.

Von den Gefahren, die durch das Gehwegradeln für Fußgänger ausgehen, rede ich erst gar nicht; jedem Radfahrer sollte bewusst sein, dass er mit seinem rechtswidrigen und rücksichtslosen Verhalten die gesamte Gruppe in ein schlechtes Licht rückt.

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