Coronoia: Stille Nacht, Eilige Nacht

Ein Gastbeitrag von Helene.

Stille Nacht, Eilige Nacht,
keiner singt, keiner lacht,
denn das traute hoch-eilige Paar
Angie und Christian (mit lockigem Haar)
lassen uns keine Ruh‘
sie lassen uns nicht in Ruh‘.

Stille Nacht, Eilige Nacht,
keiner singt, keiner lacht,
Maske und Abstand und Desinfektion,
Hände gewaschen? Das haben wir schon!
Steht stille in dümmlicher Ruh‘
Steht still! in dümmlicher Ruh‘.

Stille Nacht, Eilige Nacht,
keiner singt, keiner lacht,
niemand berührt, niemand angefaßt,
wie da der himmlische Stern verblaßt,
schlaft in einsamer Ruh‘
schlafet in einsamer Ruh‘.

Stille Nacht, Eilige Nacht,
nur zu zweit, vom Staat überwacht,
Hirten sind schmutzig, die Tiere ein Graus,
werft die Virenschleudern zum Stalle hinaus!
dann ist endlich Ruh‘
dann habt Ihr endlich Ruh‘.

Stille Nacht, Eilige Nacht,
keiner singt, keiner lacht,
doch Ihr seht den Stern und Ihr preiset die Macht
die Euch den heilsbringenden Impfstoff gebracht
schon findet Ihr ewige Ruh‘
schon findet Ihr ewige Ruh‘.

Stille Nacht, Eilige Nacht,
und Gott im Himmel, der fürchterlich lacht:
Gar keine Keime, das ist nicht gesund,
Esel und Ochse: das Leben ist bunt,
Lieber eine Krippe im Stall
als Desinfektion überall.

Stille Nacht, Eilige Nacht,
einer weint, einer macht
sich auf in das Dunkel, zu trotzen dem Wort,
er solle nicht weichen von seinem Wohnort,
Preist den Tell dieser Nacht,
Preiset den Held dieser Nacht.

6 Gedanken zu „Coronoia: Stille Nacht, Eilige Nacht“

  1. Liebe Helene,
    Es lebe das Gedicht!

    JOSEPH BRODSKY (ca. 1970 verfasst)

    Geh nicht aus dem Zimmer!

    Geh nicht aus dem Zimmer! Ein Irrtum, verläßt du das Haus.
    Wozu brauchst du Sonne, wenn du deine Blättchen rauchst?
    Hinter der Tür ist alles sinnlos, besonders – Glücksgeschrei.
    Nur rasch bloß aufs Klo und dann gleich wieder herein.

    Oh, geh nicht aus dem Zimmer, ruf keinen Motor.
    Weil der Raum ohnehin nur aus einem Korridor
    besteht und mit dem Stromzähler endet. Und kommt eine
    Milka mit offenem Mund: jag sie weg! ohne sie zu entkleiden.

    Geh nicht aus dem Zimmer; betrachte dich als erkältet.
    Die Wand, der Stuhl: gibts Interessanteres auf der Welt? Es
    bringt nichts, warum rausgehen, ja was nützt es,
    wenn du abends als der Alte wiederkommst, nur leider – verkrüppelt?

    Oh, geh nicht aus dem Zimmer. Kapier doch, tanz Bossa Nova
    nur im Mantel, ganz nackt, und in Schlappen die bloßen Sohlen.
    Auf dem Flur riechts nach Kohl und nach Schmiere für die Skier.
    Du hast viele Buchstaben geschrieben; noch einen – und es wären zu viele.

    Geh nicht aus dem Zimmer. Als einziges soll so
    das Zimmer erraten, wie du aussiehst. Und überhaupt: inkognito
    ergo sum, sagte die Substanz zur Gestalt, zornig und zankig.
    Geh nicht aus dem Zimmer! Draußen ist ohnehin nicht Frankreich.

    Sei kein Idiot! Sei das, was die andern nie waren, nie im Leben.
    Geh nicht aus dem Zimmer! Gib dich einzig den Möbeln
    hin, verschmilz mit den Tapeten. Sperr dich ein, verbarrikadier dich zum Schluß
    mit dem Schrank gegen Chronos, Kosmos, Eros, Rasse und Virus.

    „Das Gedicht „Geh nicht aus dem Zimmer!“ entstand zwischen einem an Kafka gemahnenden Prozeß und einem Exil nach Danteschem Muster. In einem hanebüchenen Gerichtsverfahren wurde der vierundzwanzigjährige Dichter im März 1964 wegen „Nichtstuerei“ und „Parasitentums“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit im russischen Norden verurteilt. Sein wahres Vergehen war das unbestellte und unbeaufsichtigte, vom sowjetischen Schriftstellerverband nicht abgesegnete, die Jugend mit dem heimtückischen Virus der Freiheit gefährdende Gedichteschreiben.“

    Von hier zitiert: http://www.planetlyrik.de/ralph-dutli-zu-joseph-brodskys-gedicht-geh-nicht-aus-dem-zimmer/2015/06/

    1. Liebe Josi,

      Sein wahres Vergehen war das unbestellte und unbeaufsichtigte […] Gedichteschreiben

      Erinnert an die Lustfeindlichkeit der Angela Merkel. Nein, wie können die Leute nur gerne und frei leben wollen?!
      Und ist es nicht lustig? Angela, der Engel, und Christian, der Christ? Dabei war es – so schien es mir zumindest – Zufall, daß diese beiden in diesem Lied gelandet sind…

    2. @Josi
      Danke übrigens für den Link zu einem wirklich guten Text!
      Und in diesen Zeiten – lustiger- oder merkwürdigerweise? – in vielem aktuell wie nie. Hier zum Beispiel:

      »Der Schutz vor dem „Virus“ (im allerletzten Wort) hat heute eine neue, 1970 noch nicht mögliche aktuelle Assoziation bekommen.«

      Wohlgemerkt, in einem Text von 2007!

    1. Lieber Claus,

      genau! Und deswegen für alle, wie auch immer Ihr die kommenden Tage verbringen mögt:

      Frohe Weihnachten!
      Frohe Feiertage!
      Frohes Singen, Umarmen und Frei sein!

      🙂

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