Moral in Zeiten der Coronoia

Ich hatte mich zuletzt angesichts meiner Verzweiflung über den immer absurdere Züge annehmenden Irrsinn mehrmals daran erinnert, dass ich doch in irgendeinem Buch vor einiger Zeit interessante Ausführungen über die Wurzeln menschlicher Moral gelesen hatte. Nach längerer Grübelei und einer Recherche im Internet erinnerte ich mich wieder daran, um welches Buch es sich handelte. Insbesondere im Hinblick darauf, dass wir wegen einer völlig falschen und verlogenen Moral gerade stramm zurück in ganz finstere, überwunden geglaubte Zeiten marschieren, ist das, was ich in Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ las, leider ziemlich frustrierend. Denn offenkundig hat sich seit Beginn dieser Massenhysterie das evolutionäre Verständnis von Moral vieler Menschen gewandelt – auch deshalb, weil ein Narrativ etabliert wurde, nach welchem jeder Mensch für den anderen ein potentieller „Gefährder“ sei.

Das mir vorliegende, im Ullstein-Verlag erschienene Taschenbuch (4. Auflage) stammt aus dem Jahr 2008. Ich – Atheist – habe es (glaube ich) inzwischen zwei oder drei Mal gelesen und empfand die Lektüre jedes Mal interessant und unterhaltsam. Einige Passagen des Buches kann man übrigens bei google Books lesen. Das zweite Unterkapitel des 6. Kapitels hat Dawkins mit „Eine Fallstudie über die Wurzeln der Moral“ überschrieben. Er bezieht sich darin hauptsächlich auf das (von mir nicht gelesene) Buch „Moral Minds: How Nature Designed our Universal Sens of Right and Wrong“ des Biologen Marc Hauser von der Harvard University.

Hauser hat anhand von Gedankenmodellen in Form ethischer, zunehmend verzwickter ausgestalteter Zwickmühlen erforscht, welche Lösungen für Menschen in bestimmten Zwangssituationen moralisch vertretbar wären und welche nicht. Basis hierfür ist ein außer Kontrolle geratener Waggon auf einer Eisenbahnstrecke vor einem Bahnhof.

Im Stellwerk

In der Grundvariante sitzt eine Person (Denise) im Stellwerk und hat die Möglichkeit, durch das Umstellen einer Weiche den Waggon auf ein Nebengleis zu leiten. Damit rettet sie zwar fünf Personen das Leben – sorgt aber dafür, dass eine Person auf dem Nebengleis vom Waggon zermalmt wird. Hier stimmen die meisten Befragten überein, dass dies in diesem Fall zulässig und vertretbar wäre.

Eine weitere Variation wäre das Aufhalten des Waggons durch das Herabfallenlassen eines Gegenstandes von einer Brücke; was nahezu alle für vertretbar halten. Schwieriger wird die Entscheidung, wenn es sich bei diesem „Gegenstand“ um einen dicken Mann handeln würde. Hier stellt Hauser fest, dass es fast alle für ethisch unzulässig ansehen, den Mann zu opfern. Doch worin besteht nun – im Ergebnis – der Unterschied zum Ausgangsbeispiel? Es wird im Buch nicht genannt – aber es ist m. E. eben, vor allem in einer zunehmend technokratischen Welt – doch gleich viel leichter, einem Menschen das Leben zu nehmen, wenn man nicht selbst unmittelbar Hand anlegt, sondern sich hierzu einer technischen Vorrichtung bedient.

Ein weiteres ethisches Dilemma wird anhand des folgenden Gedankenexperiments durchexerziert: In einem Krankenhaus liegen fünf Patienten, bei denen jeweils ein anderes Organ versagt. Nun sitzt zufällig gerade ein gesunder Mann im Wartezimmer, dessen Organe sich doch prächtig für eine Transplantation eignen würden? Auch hier würde niemand auf die Idee kommen, den Gesunden zu töten, um die anderen Fünf zu retten.

Dawkins führt dies darauf zurück, dass Menschen allgemein davor zurückschrecken, unschuldige Menschen zum vermeintlichen Wohl einer Mehrheit zu opfern und bezieht sich dabei auch auf Immanuel Kant, nach welchem ein vernunftbegabtes Wesen niemals gegen seinen Willen als Mittel zu einem Zweck benutzt werden solle; selbst dann nicht, wenn dieser Zweck darin bestehe, anderen zu helfen. Der dicke Mann (bzw. der unfreiwillige Organspender) würde andernfalls verobjektiviert, als Mittel zum Zweck benutzt werden. Und dies verletze unser evolutionär eingepflanztes Moralverständnis.

Die Gedankenexperimente werden immer komplexer; die Basis des Ausgangsbeispiels wird erweitert. So steht nun Ned im Stellwerk vor dem folgenden Problem: Wenn er die Weiche umlegt, rollt der Waggon zwar aufs Nebengleis, dieses führt jedoch über eine Gleisschleife vor den fünf Personen zurück aufs Hauptgleis; der Waggon würde diese also trotzdem töten. Theoretisch könnte nun aber ein sich auf dem Nebengleis befindlicher dicker Mann den Waggon aufhalten. Interessant ist, dass hier nun die Mehrheit Skrupel hätte, die Weiche umzulegen – weil der dicke Mann eben als Mittel zum Zweck, als „Kollateralschaden“ missbraucht werden würde.

Eine weitere Abwandlung des Experiments wird anhand des Stellwerkers Oscar dargestellt. In diesem Fall liegt auf dem Nebengleis ein Eisengewicht, welches den Waggon aufhalten würde. Unglücklicherweise läuft aber genau in diesem Moment vor diesem ein Wanderer über das Gleis. Obwohl der dicke Mann und der Wanderer beide sterben würden, hätten die meisten Personen das Gefühl, dass Oscar eher dazu legitimiert sei, den Waggon umzuleiten, als Ned.

Hausers Untersuchungen führten letzten Endes zum Schluss, dass es bei derartigen Entscheidungen keinen statistisch relevanten Unterschied zwischen religiösen oder atheistischen Menschen gäbe. Auch wenn sich bei den Zeugen Coronas immer stärkere sektenartige Verhaltensmuster zeigen, spielt das Thema Religion in diesem Fall meines Erachtens auch nur eine untergeordnete Rolle.

Homo hygienicus homini lupus?

Übertragen auf Corona ist die Sache natürlich etwas verzwickter und das Modell entspräche wohl eher dem Gleisplan des Frankfurter Hauptbahnhofs, denn einem Kreuzungsbahnhof in der Provinz. Aber letzten Endes glaube ich, dass hier im Verborgenen eine gewaltige Umkehrung des diesen Beispielen zugrunde liegenden Moralverständnisses der Menschen stattgefunden hat. Es wäre meines Erachtens doch sehr interessant, eine solche Studie in diesen Tagen in abgewandelter Form zu wiederholen; vielleicht eben gerade auch unter der Prämisse, dass die betroffenen Personen „Infiziert“ sind oder nicht, bzw. es evtl. sein könnten?

Viele der besonders Verängstigten haben meines Erachtens auch deshalb jegliche noch vorhandenen moralischen und ethischen Hemmungen verloren, weil man die Menschen ganz allgemein in einer derart totalitären Art und Weise verobjektiviert, also ihrer Menschenwürde beraubt hat, dass in diesen eben gar keine Menschen (dicker Mann, Wanderer, Organspender) mehr gesehen werden, sondern nur noch Gegenstände – und dies auch noch in Form von „Biowaffen“ bzw. „Virenschleudern“. In diesem Falle hat man natürlich auch überhaupt keine Skrupel mehr, unzählige Menschen vom Waggon überrollen zu lassen bzw. sie ins soziale und finanzielle Elend oder gar (vor allem in der dritten Welt) in den Hungertod zu schicken. Wenn dadurch möglicherweise andere vor dem herannahenden Corona-Waggon „gerettet“ werden könnten.

Im Gegenteil – man tut der Gemeinschaft ja sogar noch etwas Gutes, wenn man diese potenziellen „Gefährder“ eliminiert. Tragischerweise ist es vielmehr so, dass man derzeit, um einen (85-jährigen, schwer vorerkrankten) Menschen auf dem Hauptgleis zu retten, den Waggon auf das Nebengleis leitet, auf dem hundert Menschen stehen. Aber von denen könnten ja einige oder gar alle „infiziert“ sein. Und am Ende leugnen die sogar noch Corona!

Wir befinden uns auf einem ganz, ganz gefährlichen; mit guten Absichten gepflasterten Weg zur Hölle.


Siehe auch

Coronoia: Kobayashi Maru

  • Das Moral-Gen: Ist das Gute im Menschen angeboren? Wissenschafter meinen: ja | profil.at.
  • Moral Sense Test | Wikipedia.

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5 Gedanken zu „Moral in Zeiten der Coronoia“

  1. Danke für den Buchtip.
    Ja, irgendsowas in der Art muß es wohl sein.

    Was ich mich bei diesen ganzen Thesen aber immer frage, also z.B. auch bei der, daß das ja alles nur passiert, weil die Menschen Gruppentiere sind und nicht ausgestoßen werden möchten:
    Was ist denn mit uns anderen? Wir möchten ja – eigentlich – auch nicht aus der Gruppe ausgestoßen werden und plädieren dennoch für die Wahrheit, deren Aussprechen dann genau das mit uns macht.

    Was unterscheidet uns von den anderen, daß wir anscheinend gegen diese Instinkte (?) agieren? Wir lassen uns keine Angst machen, wir lassen uns aus der Gruppe schmeißen, wir sehen Mitmenschen immer noch als Menschen und nicht als Objekte. Warum?

    1. Was unterscheidet uns von den anderen, daß wir anscheinend gegen diese Instinkte (?) agieren?

      Weil wir nicht nur über kognitive, sondern auch emotionale Intelligenz verfügen? Weil wir gelernt haben, mit Gefühlen umzugehen; weil uns bewusst ist, wie beeinfluss- und manipulierbar menschliche Emotionen sind, funktioniert das bei uns nicht oder nur in einem eingeschränkten Maße. Wir sind autark; d. h. vor allem: emotional nicht erpressbar. Wir hängen nicht an der Nadel einer gefährlichen Droge namens „Opportunismus“.

  2. Hallo Dennis,

    danke für den Artikel! Mir ist seit Langem klar, dass wir alle füreinander sowohl »Risiko« wie auch »Glücksfall« sind. Selbst winzige Handlungen oder Unterlassungen bewirken etwas, in der einen oder der anderen Richtung. Wie vielen Menschen habe ich so im Laufe meines Lebens um fünf, zehn oder fünfzig Ecken herum geschadet, wie vielen Gutes getan? Oft wohl sogar Beides? Mal vorausgesetzt, ich handelte im besten Wissen und Gewissen?
    Wenn wir dies nicht mehr als eine Konstante des Lebens akzeptieren können, in der (linkshirnischen) Vermessenheit, alles kontrollieren zu müssen, dann sind wir auf dem besten Wege in den kollektiven Wahnsinn. Und dann Gnade uns Gott – oder besser: das Universum, das Leben selbst …

  3. Konstruierter Schwachsinn aus dem niemand etwas schliessen kann.

    Das Blockstreckensystem aller einigermaßen funktionsfähigen Eisenbahnen verhindert diese Szenario. Dafür wurde es auch entwickelt und installiert.
    Der Dicke Mann hält auch keinen Zug auf.

    Gesetz dem Fall würde ich den Zug an der Weiche zum entgleisen bringen. Schottersteine liegen da ja genug herum, oder man schaltet die zwischen den Radsätzen um. Sehen sie wie sinnlos dieses Beispiel ist?

    1. Eine doch sehr technokratische Sichtweise. Bad Aibling schon vergessen? 😛 Das ist lediglich ein soziologisches Modell; man hätte dafür auch andere Gedankenkonstrukte als eines aus der Welt der Eisenbahn verwenden können. Der dicke Mann war halt bspw. sehr dick und der Waggon sehr klein. Und natürlich würde niemand einfach auf dem Gleis stehenbleiben, wenn so einer auf ihn zurollt.

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