Rede von Julia (Lehrerin) in Köln

Die audiovisuelle Darstellungsform hat ihre unbestrittenen Vorteile – insbesondere, was die Schnelligkeit und die Authentizität von ungeschnittenen Live-Aufnahmen betrifft. Auch auf den Demonstrationen zur Wiederherstellung der Grundrechte werden in Deutschland seit Monaten zahlreiche, teils unheimlich wichtige Reden gehalten. Doch der Nachteil von Videoaufzeichnungen ist, dass die Inhalte dieser Reden in aller Regel eben nicht in Textform – und damit auch nicht oder nur sehr eingeschränkt durch Suchmaschinenanfragen auffindbar sind; außerdem sind vor allem auch Auszüge daraus nur schwer zu erfassen, wenn man nicht die Zeit hat, sich selbst die gesamte Rede zu Gemüte zu führen. Da die beiden Beiträge zu Margareta Griesz-Brisson und Ralf Ludwig in den letzten drei Tagen (mindestens) über 6.500 mal aufgerufen wurden, werde ich wohl zukünftig noch weitere Reden transkribieren und möchte als Nächstes die Rede von Julia (einer Lehrerin aus Baden-Württemberg) auf der Querdenken-Demo vom 26. September in Köln dokumentieren.

Transkript

Ja, Hallo Köln!

Ich freue mich, dass ich heute hier sein darf und dass trotz diesem beschissenen Wetter viele, viele Menschen da sind. Kurz zu mir, ich wurde ja schon angekündigt. Mein Name ist Julia, ich bin Lehrerin aus Baden-Württemberg. Ich arbeite seit über 10 Jahren an einer weiterführenden Schule und ich möchte euch einfach ein bisschen aus meinem Alltag erzählen, wie ich das gerade an den Schulen erlebe und was unseren Kindern dort zugemutet wird.

Am Beginn dieser Woche, wir haben ja in Baden-Württemberg noch nicht so lange wieder mit der Schule begonnen, hatte ich ein bewegendes Erlebnis und zwar kam eine kleine Schülerdelegation nach Unterrichtsende zu mir und hat mich ganz geradeaus gefragt: Sie sehen traurig aus, stimmt das? Und dann war ich etwas erstaunt und hab dann gesagt: Ja, das stimmt. Ich hab sie dann gefragt, wie sie darauf kommen und sie haben dann gesagt: Naja, wir kennen Sie ja schon eine Weile und wir haben Sie eigentlich anders in Erinnerung. Und das hat mich dann doch ziemlich bewegt, weil ich gedacht hab: Verdammt, vor Kindern kann man doch halt nichts verbergen. Und es stimmt tatsächlich. Der Gang in die Schule ist für mich inzwischen schwer geworden. Wobei ich ganz ehrlich sagen muss, nicht wegen meiner Schüler. Im Gegenteil, die sind gerade meine einzige Kraftquelle und Inspiration in dieser Zeit und ich möchte sie um nichts in der Welt missen.

Aber: Die Umstände in den Schulen sind für mich nur schwer auszuhalten. Davon möchte ich heute gern ein bisschen erzählen. Und zwar fängt das schon an mit dem Thema Maskenpflicht. Gottseidank, dass muss ich wirklich sagen, haben wir in Baden-Württemberg keine Maskenpflicht im Unterricht. Aber: Maskenpflicht auf den Gängen, auf dem Pausenhof, im Lehrerzimmer und auf allen Begegnungsflächen. Jede Schule muss darüber hinaus individuelle Regeln zur Pausengestaltung aufstellen. Nicht alle Schüler dürfen gleichzeitig auf dem Pausenhof sein. Toilettengänge sollen möglichst während des Unterrichts gemacht werden und nicht während den Pausen. Begründung: die Toiletten sind dann überfüllt. Es steigert sich das Infektionsrisiko. Das Essen und Trinken auf dem Pausenhof ist nicht mehr erlaubt. Gegessen und getrunken werden soll nur noch im Klassenzimmer. Auf dem Pausenhof geht das Spiel weiter. Dort stehen mehrere Klassen entweder in einem quadratischen Feld, das nummeriert ist oder mit Ketten oder Absperrband abgesichert ist. Ein Wechsel zwischen den Feldern ist nicht erlaubt. Dieses Schauspiel zu beobachten, bewegt sich bei mir so im Bereich zwischen Befremdlich bis Abartig.

Die Schüler stehen im Freien mit Maske in einem abgesteckten Bereich, den sie nicht verlassen dürfen. Hätte mir das jemand vor einem Jahr gesagt und mich gefragt, sag mal, wo dieser Ort sein könnte, dann wir mal erstes wahrscheinlich eingefallen: Justizvollzugsanstalt oder sowas. Aber nein, es ist eine Schule. Auch für den Unterricht selbst haben diese Maßnahmen Konsequenzen. In den Klassenzimmern müssen die Hygieneregeln eingehalten werden. Das bedeutet, nach jeder Pause müssen die Schüler Händewaschen, 20 bis 30 Sekunden bei bis zu 30 Schülern und einem Waschbecken im Klassenzimmer. Die Unterrichtszeit leidet dadurch erheblich. Auch die Toilettengänge während des Unterrichts bringen eine erhebliche Störung mit sich. Was vorher die absolute Ausnahme war, wird jetzt zur Regel.

Ein weiteres Thema, welches jetzt problematisch wird, wir sehen es an der Witterung. Ständig muss gelüftet werden. Auch das mindert die Unterrichtsqualität. Die Fenster sind dauernd geöffnet oder gekippt. In den Sommermonaten war das noch in Ordnung. Jetzt wird es aber kälter. Was soll die Lösung sein? Dass die Schüler mit Mütze, Jacke und Schal im Klassenzimmer sitzen? Ich mein das jetzt ironisch, aber es gibt schon Lehrerverbände und Gewerkschaften, die das fordern.

Und was ich darüber hinaus von Kollegen anderer Schulen zugetragen bekomme, offenbart noch ein weiteres Ausmaß. Bei Kollegen mit Maskenbefreiung werden die Atteste nicht anerkannt und teils mit abstrusen Begründungen abgewiesen. Einige Kollegen dürfen deshalb keinen Präsenzunterricht erteilen oder sollen nur noch separate Ein- und Ausgänge ins Schulgebäude benutzen und das Lehrerzimmer nicht mehr aufsuchen.

Bei Schülern ist es ganz ähnlich. Ein Kollege berichtete mir sogar, dass eine Schülerin mit Befreiungsattest zwar den Unterricht besuchen darf, aber in der Pause in einer abgesonderten Ecke stehen und in den Gängen von einem Lehrer begleitet werden muss.

Klassenfotos und Einschulungsfeiern gibt es mittlerweile mit Masken. Unangekündigte Testungen an Kindern in Schulen, so geschehen in Niedersachsen und in Bayern vor Kurzem. Ohne Einverständnis der Eltern. Wer spricht darüber? In den öffentlich-rechtlichen Medien habe ich darüber nichts gehört. Krasse Einzelfälle? Vielleicht. Es gibt auch Schulen, an denen es moderat zugeht, an denen Schüler und Lehrer beachtet und die Freiheit des Einzelnen noch Anwendung findet.

Trotzdem ist jeder Fall von Willkür, Zwang und eigenmächtigem Handeln über die Verordnungen hinaus einer zuviel. Ich höre immer wieder, dass wir doch in einem freiheitlich-demokratischen Land leben und viele sich in ihren Grundrechten nicht eingeschränkt fühlen? Ist das tatsächlich so? Ich habe daran meine Zweifel. Wenn Menschen, die kritisch hinterfragen und Maßnahmen in Zweifel ziehen, als unsolidarisch einfach schnell an den Rand gedrängt und ausgegrenzt werden. Ich möchte hier keine Parallelen zur deutschen Geschichte ziehen, weil solche Vergleiche hinken häufig. Aber: Jeder mündige Bürger sollte sich fragen, ob es wirklich so abwegig ist, wenn sich mahnende Stimmen erheben, die genau darauf hinweisen.

Ich bin von ganzem Herzen Lehrerin und ich bin glücklich, einen solchen Beruf ausüben zu können. Und die Möglichkeit für mich, jedes Jahr aufs Neue einer weiteren Generation zu ihrem Abschluss zu verhelfen, ist für mich ein Privileg und keine Bürde. Als Politik- und Geschichtslehrerin bin ich zudem sehr sensibel, wenn sich jemand leichtfertig an den Grundrechten vergreift. Und mein Selbstverständnis von Unterricht ist immer noch die Menschenbildung. Ich möchte aus meinen Schülern kritische, aufrechte und mündige Bürger machen, die selbstbestimmt für sich und andere einstehen können.

Und dazu muss man auch unbequeme Wahrheiten aussprechen dürfen. Das ist das Wesen einer Demokratie und eine demokratische Gesellschaft muss das aushalten. Ich möchte heute meine Worte noch an drei Gruppen richten, die mir einfach in diesem schulischen Kontext besonders wichtig sind.

Die erste Gruppe: Liebe Eltern! Steht auf, wo ihr Unrecht erkennt und wo Gesetze gebrochen werden. Es sind eure Kinder und meine Schüler, die mit den Konsequenzen der Hygienemaßnahmen leben müssen. Kein Mensch kann sagen, welche Folgen daraus resultieren. Das wird sich erst in einigen Monaten oder gar Jahren zeigen. Schließt euch zusammen, wenn ihr nicht allein kämpfen könnt oder wollt. Es gibt wunderbare Initiativen, die euch unterstützen. Und was immer auch manchmal problematisch sein mag zwischen Eltern und Lehrern, da kracht es ja auch manchmal, das wissen wir alle. Aber jetzt in dieser Zeit muss ich sagen, wir müssen einfach zusammenstehen auf beiden Seiten, denn wir Lehrer brauchen euch Eltern dringend; gerade jetzt!

Die zweite Gruppe, an die ich mich richten möchte, sind meine Kollegen und Kolleginnen überall in Deutschland. Die Remonstration, die gerade in aller Munde ist, ist sowohl ein Recht, als auch eine Pflicht. Ein Recht deshalb, weil es mich als Lehrer schützt, eine Anordnung zu befolgen, die vielleicht rechtswidrig ist oder noch schlimmer, die Würde des Menschen verletzt. Sie ist aber auch gleichzeitig eine Pflicht, da wir dazu da sind, unsere Dienstherren auf Fehlverhalten hinzuweisen. Und offensichtlich war es notwendig, dieses Remonstrationsrecht in den Verfassungen und im Beamtenrecht zu verankern. Jeder kann sich selber überlegen, warum die Gründungsväter dieses Landes dies getan haben. Fairerweise muss ich sagen, ich weiß, dass viele Angst haben. Und es ist auch in Ordnung. Ich maße mir nicht an, über irgendjemanden zu urteilen. Bedenkt bitte nur eins: Und das richtet sich jetzt an alle Lehrerkollegen. Bedenkt bitte bei euren Handlungen, bei allem was ihr tut oder nicht tut, für wessen Wohl ihr da seid und wer von euch geschützt werden sollte? Das ist eigentlich eindeutig!

Und zum Schluss: Liebe Schüler, bitte habt keine Angst! Ich weiß, es ist gerade wahnsinnig schwer für euch alle, wie leider so oft in der Bildungspolitik werden manche Entscheidungen nur kurzfristig überdacht und dann auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Das ist hier leider nicht anders, nur sind die Konsequenzen hier viel weitreichender, wie ich finde. Und ganz wichtig: Ihr habt keine Schuld. Ihr seid weder „Virenschleudern“, noch „Superspreader“, noch eine Gefahr für eure Eltern, Großeltern oder Lehrer!

Als Lehrerin bin ich dem Wohl der Kinder verpflichtet. Und mein ganzes Engagement in dieser Zeit gehört jetzt ihnen. Und ich hoffe, es werden noch ganz viele dazukommen, die das ähnlich sehen. Hier sind schon ganz viele, das finde ich wunderbar. Und ich denke, unsere Kinder, alle Schülerinnen und Schüler sollten es uns in jedem Fall wert sein, dass wir ihnen einen starken Rückhalt und eine Perspektive für nach der Krise anbieten!

Ich danke euch vielmals!


Siehe auch

Rede von Daniela Osterhagen in Hannover

Coronoia: Kindesmisshandlung

Coronoia: Solidaritätsprothese

5 Gedanken zu „Rede von Julia (Lehrerin) in Köln“

  1. Hi, wie kann ich Ihren blog abonnieren?

    rss-feed funktioniert leider nicht

    und über „Abonnierte Websites verwalten“ auch nicht … wenn ich Ihre blog-adresse einfüge, geht angeblich folgen nicht 🙁

    LG, Hille

  2. Irgendwie bin ich zufällig vor zwei, drei Tagen auf diese Seite gestoßen.
    corodok.de
    Sehr interessante Meldungen gibt’s da.
    Sicherlich was für deine Blogroll „Politik“.

  3. Was auch gerne transkribiert werden darf, ist die Rede von Diana Osterhagen auf der Hannover-Demo am 12. September. Darüber, was den Kindern mit diesen Maßnahmen – von denen das Maskentragen nur eine ist – angetan wird.

    Da kommen einem zwar gleichermaßen Wut und Tränen, wenn man das hört, aber das macht sie nur um so wichtiger!

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