Reupload: Prof. Dr. Michael Klundt vor der KiKo des Bundestages

Am 9. September äußerte sich Prof. Dr. Michael Klundt vom Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften an der Hochschule Magdeburg-Stendal im Rahmen einer öffentlichen Sitzung der Kinderkommission des Deutschen Bundestages (Kiko) äußerst kritisch gegenüber der Bundesregierung. Siehe hierzu die Ausschnitte des von Friedhelf übernommenen, dem Internetangebot des Bundestages entstammenden Video sowie die unten angeführte Transkription.

Transkript

Meine Ergebnisse, obgleich Bund, Länder und Kommunen auch in Zeiten der Corona-Pandemie zur vollumfänglichen Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet waren und sind, konnte mit dieser Untersuchung nachgewiesen werden, dass dies in der Praxis weitgehend versäumt wurde.

So sind nachweislich elementare Schutz-, Fürsorge und Beteiligungsrechte von ca. 13 Millionen Kindern und Jugendlichen verletzt worden. Praktisch alle Entscheidungen und Maßnahmen der Politik seit März / April wurden somit völkerrechtsverstoßend und bundesgesetzwidrig ohne vorrangige Berücksichtigung des Kindeswohls vorgenommen.

Die Kinder sind sozusagen aus der Perspektive rausgefallen, die Familien sind aus der Perspektive rausgefallen. Aber das, was eben etwas ganz besonders war, was man vielleicht auch wissenschafts- oder politiktheoretisch, medientheoretisch versuchen muss, zu erklären, dass man in einer relativ radikalen Form sich zu anfangs, oder auch sehr lange Zeit, im Grunde nur noch auf sehr wenige Virologen, nicht einmal DIE Virologen, sondern ganz, ganz wenige Virologen konzentriert hatte, und dann sozusagen erst einmal alle anderen Virologen ausgeschlossen hatte aus dem Mediendiskurs, aber vor allen Dingen – und das finde ich so bemerkenswert – auch alle anderen Wissenschaften aus dem Mediendiskurs ausgeschlossen hatte, die sich jetzt auch dazu hätten äußern können, also die entsprechend mit Studien kommen, worüber wir vielleicht gleich noch was sprechen können, die Psychologinnen und Psychologen, die Kinderärztinnen und Kinderärzte, die Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler, die Kollegin Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin sagte, es kann doch nicht sein, dass man nur eine einzige Berufsgruppe – und  da auch nur eine handvoll – nimmt.

Da kann man schon mal an manchen Stellen denken: sowas kommt von sowas. Ja, und kann dann sozusagen auch entsprechende Bedenken haben, also diese enorm eingeschränkte Variante, dass die dann auch gleichzeitig sozusagen diese bis heute vorfindliche Polarisierung in den Diskursen immer noch schafft, dass ist etwas, was sozusagen, wo die Kinder tatsächlich an vielen Stellen eben nicht nur, übrigens nicht nur ignoriert wurden, das ist ja auch ein Hammer, die Kinderrechte sozusagen oder der Kinderschutz hatte auf einmal fast eine ganz neue Wendung bekommen. Er ist nicht nur, der Kindeswohlvorrang ist nicht nur ignoriert worden, das Kindeswohl ist nicht nur ignoriert worden, sondern es wurde plötzlich aus dem Kinderschutz eigentlich nur der Schutz vor Kindern, weil die Kinder galten ja am Anfang, auf welcher fragilen wissenschaftlichen Basis auch einfach nur, sie waren die einzigen Spreader. Sie waren die Hauptspreader, die Virenverbreiter. Und sie wurden quasi wie Objekte behandelt, die man nicht weiter fragen muss, sondern die müssen irgendwie weg, ja. Und das muss man sich, ich finde, dass ich da jetzt erst einmal niemandem unterstelle, dass er das böse gemeint hat und dass er das absichtlich gemacht hat, muss doch jetzt eine kritische Aufarbeitung dessen geschehen. Man muss sich fragen, wie kann das sein, dass wir so mit unseren Kindern umgegangen sind, mit den entsprechenden Begleiterscheinungen für unsere Familien. Da denke ich, das ist tatsächlich wichtig, das aufzuarbeiten, diese übrigens instrumentelle Form von Behandlung von Kindern, diese verobjektivierende Form von Kindern betrachte ich auch als eine Form von Kindeswohlgefährdung.

Sicherlich mitbekommen, diese besonderen Quarantäneregelungen für Kleinkinder, die nicht infiziert sind, aber die mit jemand positiv Getestetem in Kontakt gekommen sein, dann zuhause in ihren Familien in Quarantäne gehalten werden sollen und abgeschieden werden sollen von der Familie und von den anderen Familienmitgliedern mit also von unterschiedlichen Bundesländern, Sie haben es sicherlich mitbekommen, unterschiedlichen Landkreisen geschehen, also offensichtlich nicht etwas, keine große Ausnahme, wo dann jedes Mal auch dabeistand, wenn dieses Kleinkind nicht abgeschieden wird von den Geschwistern und der Familie, dann können wir auch das Kind in Obhut nehmen. Ja, also diese, sozusagen diese Message, die da praktisch vertreten wurde, der Deutsche Kinderschutzbund Präsident Herr Hilgers sagte dazu, es ist aus seiner Sicht eine Form von psychischer Gewalt die, man kann das sozusagen, das ist wahrscheinlich echt eine Frage des Tons und des Umgangs und der Art und Weise, wie man miteinander spricht. Aber wenn wir sozusagen solche Beispiele haben, und wir haben offensichtlich mehrere davon und werden vielleicht in der nächsten Zeit häufiger welche dazu haben, würde ich Sie wirklich bitten, da nochmal genauer darauf zu achten, weil hier stellt sich wirklich ganz konkret die Frage, was haben wir eigentlich für ein Verständnis von Gesundheit? Was haben wir eigentlich ein Verständnis von Kindeswohl? Und was meint dann an dieser Stelle, wie gesagt diese Verobjektivierung oder instrumentelle Betrachtung des Kindes. Denken wir noch daran, was da eigentlich passiert, wenn wir sozusagen der Familie ein Schreiben schicken, wenn du das nicht machst, nehmen wir dir dein Kind morgen ab?

Dass es da einen hohen Konsens gibt auch in der Gesellschaft, wenn es denn wahrgenommen wird, dass da etwas schiefgelaufen ist, das ist schon einmal ein guter und guter Schritt in die richtige Richtung. Das zweite wäre, dass es tatsächlich nun darm ginge, dass das auch kritisch aufgearbeitet wird, weil wir gehen jetzt erst einmal nicht von einer Verschwörung aus, sondern erstmal, dass einfach Fehler unterlaufen sind, die nicht beabsichtigt worden sind. Deshalb ist es wichtig, nun schnellstmöglich ein Maßnahmenpaket für die Umsetzung beziehungsweise Wiederherstellung von Kinderrechten und gegen Kinderarmut zu erstellen. Außerordentlich wichtig dabei ist, Kinder, Jugendliche, Jugendverbände, Schülervertretungen, Kinderrechtsorganisationen dabei entsprechend mit einzubinden. Sie müssen einfach auch gefragt werden in diesem ganzen Punkt.

Ich würde mir so etwas jetzt auf der wissenschaftlichen Ebene so vorstellen, dass eben Virologinnen und Virologen, aber halt eben auch die anderen Forscherinnen und Forscher, also auch Medizinerinnen und Mediziner, Psychologinnen und Psychologen, Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler, Pädagoginnen und Pädagogen, dass die sozusagen zusammenkommen und dann überlegen, was hat denn geklappt? Weil es wäre aus meiner Sicht nicht ausreichend, wenn man die wenn jetzt praktisch nur die Virologen sagen würden, das hat geklappt, aus unserer Sicht, weil diese Kennziffer ist so und die ist so hoch, sondern, es muss tatsächlich das Ganze betrachtet werden. Und da haben wir nunmal ganz viele Kapazitäten an unseren Hochschulen und in unseren wissenschaftlichen Bereichen.

Die Corona-Maßnahmen und Corona haben in der Hinsicht auch als Katalysator für Kinderarmut bzw. Armut gewirkt, durch Corona und die Maßnahmen konnten die Privilegierten ihren Vorsprung, z. B. an Partizipation und Bildungschancen noch ausbauen, sie blieben während und nach der Coronakrise bevorteilt und werden noch privilegierter. Die Benachteiligten dagegen bleiben durch Bildungsexklusion und homeschooling überwiegend weiterhin Unterprivilegierte und werden auch mangels finanzieller Mittel, zum Beispiel Hardware, Schreibtisch, eigenes Zimmer, fehlender Nachhilfe usw. noch stärker benachteiligt.

Die bislang erhältlichen Studien zur Kinderarmut während der Coronakrise zeigen, dass sich diese soziale Polarisierung nicht etwa reduziert, sondern vielmehr noch deutlicher hervorscheint. Wir alle kennen doch in den letzten Jahrzehnten Menschen, die auch viele bekannte Menschen, die die ganze Zeit die Kinderrechte haben hochleben lassen. Es kann doch nicht sein, dass die alle sozusagen in den letzten drei Monaten eingeschlafen sind.


Update 15. September 2020

Ich möchte ergänzend noch auf die Studie „Krisengerechte Kinder statt kindergerechtem Krisenmanagement?“ hinweisen, die die Linksfraktion des Bundestages am 15. Juni 2020 veröffentlicht hat.


Siehe auch

Coronoia: Kindesmisshandlung

Coronoia: Quarantäne-Objekt Mensch?

Coronoia: Quarantäne-Regime

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