Rucksack-Kontrolle bei Netto

Rucksack Netto

Wie in den letzten Alltagserlebnissen angedeutet, hatte ich am 23. April während einer Runde mit dem Rennrad in die Nordpfalz einen Halt in der Schönenberg-Kübelberger Netto-Filiale eingelegt. Ich hatte mir für eine kleine Zwischendurch-Stärkung ein Brötchen und zwei Snack-Salamis gekauft und wurde dann an der Kasse gebeten, der Kassiererin doch einen Blick in meinen Rucksack zu gewähren. Das lehnte ich ab. Weil ich die Rechtslage und Rechtsprechung kenne – und mir diese so ganz beiläufige Umkehrung der Unschuldsvermutung inzwischen gehörig auf den Zeiger geht.

Leider geht dieses auch noch als selbstverständlich erachtete Handeln einiger Mitarbeiter von Einkaufsmärkten auch darauf zurück, dass wir halt in einer Epoche leben, in der viele Menschen nach dem Motto „ich habe ja nichts zu verbergen“ auf elementare Grundrechte verzichten. Auch deshalb haben die meisten keine Probleme, ihr Einkaufsverhalten mittels der Teilnahme an Datensammel-Programmen wie „Payback“ oder der „Deutschland-Card“ protokollieren und auswerten oder sich (auch auf dem Rad via Strava & Co.) über ihr „Smartphone“ von morgens bis abends tracken zu lassen. Man stellt sich inzwischen ja sogar auch noch 24/7-Lauscheinrichtungen von google in die Wohnung. Dass man sowieso schon den ganzen Tag eine jederzeit hackbare Wanze mit sich rumträgt, wird ja ebenfalls nicht wahrgenommen. Genauso die fragwürdige, permanente Video-Überwachung nichtöffentlicher und öffentlicher Räume und Einrichtungen. Während ich als Hobby-Fotograf wegen der DSGVO inzwischen ja aber nicht einmal mehr Fotos auf der Straße machen darf, auf denen das Gesicht von irgendjemandem zu sehen ist.

Aber nun gut. So sind halt leider die Zeiten. Elementare Freiheiten werden von der Mehrheit mit einem Schulterzucken aufgegeben. Ich bin da aber halt schon immer ein wenig anders gewesen. 😉 Und auch deshalb diskutierte ich dann eben mit der Kassiererin und der Marktleiterin der Netto-Filiale sachlich und unaufgeregt, dass das, woran man sich hier offenbar gewöhnt hat, nicht rechtmäßig ist. Denn niemand muss sich beim Einkaufen als indirekt Ladendieb verdächtigen lassen oder beweisen, dass er nichts im Rucksack hat, was evtl. aus dem Laden stammen könnte. Außerdem wäre dies auch kein Beweis dafür, dass im Rucksack befindliche Ware auch aus dem gleichen Laden stammt. Ich kaufe bspw. auch mal (je nach Angebot) in mehreren Läden nacheinander ein.

Das wurde in den Urteilen des Bundesgerichtshofes vom 03.11.1993 (VIII ZR 106/93) als auch vom 03.07.1996 (VIII ZR 221/95) eindeutig klargestellt. Ohne einen konkreten Verdacht sind Taschen- und Rucksackkontrollen unrechtmäßig. Ich kann daher auch nur jedem raten, sich bei unnachgiebigem Personal die Zeit zu nehmen und die Polizei hinzuzurufen – und diese dann in den Rucksack oder die Tasche schauen zu lassen. Und dann antwortet man auf diese falsche Verdächtigung mit einer umgehenden Gegenanzeige! Das bringt einem dann vielleicht als kleine Entschädigung einen saftigen Gutschein von der Unternehmensleitung ein. 😉

Die (mündliche oder schriftliche) Aufforderung, seinen Rucksack im Eingangsbereich irgendwo abzustellen, ist auch keine sichere Abstellmöglichkeit. Das wären nur Schließfächer oder ein ständig besetzter Informationsbereich (mit der Ausgabe von zuordenbaren Nummern). Ich fragte daher auch die Kassiererin, ob sie denn genau sagen könne, wem denn dieser eine Rucksack da gehöre, der grade zufällig vorne am Eingang liegen würde? Konnte sie nicht. Auch kann sie dort abgestellte Rucksäcke nicht pausenlos überwachen. Wer weiß, wie lange die Schlangen an der einzig offenen Kasse grade in Netto-Filialen immer sind, kann sich gut vorstellen, dass die Aufmerksamkeit der Kassiererinnen da regelm. ganz woanders liegt. Und da man mangels Aushang auch bei einem Diebstahl nicht dafür haften wird, sehe ich auch weiterhin keinen Grund, seine Rucksäcke oder Taschen einfach irgendwo im Eingangsbereich hinzustellen.

Außerdem: Wir leben ja bekanntlich im Zeitalter der Terror-Hysterie. Wegen „herrenloser Gepäckstücke“ werden ja inzwischen regelmäßig ganze Stadtteile gesperrt…! Das könnte also auch für jemanden, der das Abstellen gewohnt ist, ein sehr teurer Einkauf werden. 😉

Ich kündigte den beiden Damen auch an, dass ich mich bei der Unternehmensleitung beschweren würde. Was ich dann auch tat. Von dort erhielt ich die folgende Stellungnahme:

vielen Dank für Ihre Anfrage und dass Sie uns die Gelegenheit zu einer Stellungnahme geben.

Das hätte so natürlich nicht passieren dürfen! Wir möchten uns bei Ihnen für das Verhalten unseres Mitarbeiters entschuldigen und nehmen Ihren Hinweis dankend an.

Wir schulen unser Personal regelmäßig, da Kundenfreundlichkeit und die Zufriedenheit unserer Kunden zu unseren obersten Zielen gehören. Wir werden selbstverständlich in dem von Ihnen genannten Fall auf den Mitarbeiter zugehen und die Thematik mit dem Personal nochmal besprechen, damit dies nicht mehr vorkommt.

Wir würden uns freuen, Sie auch weiterhin in unseren Filialen begrüßen zu dürfen.

Schön. Ich bin gespannt, ob das nochmal vorkommen wird. Fairerweise muss ich auch dazu sagen, dass es das erste Mal war, dass man mich in einem Netto-Markt darauf angesprochen hatte. Und ich komme mit dem Rad ja rum in der Gegend.

Vor einigen Wochen wurde ich übrigens auch während einer Tour im Norma-Markt in Waldmohr ebenfalls vom Kassierer darum gebeten, ihm einen Einblick in den Rucksack zu gewähren. Das lehnte ich allerdings ebenfalls ab; seine Kollegin meinte dann auch, dass ich das nicht müsse. Auch hier hatte ich den Eindruck, dass das Personal schlicht und ergreifend nicht ausreichend geschult wird bzw. in einigen Fällen einfach etwas „übermotiviert“ ist. Weil man das vielleicht als Kunde in einem anderen Markt selber mal gesehen hat. Mit diesen Leuten dann eine Diskussion zu beginnen, bewirkt, dass jene schlagartig extrem verunsichert sind.

Ich kann mir nämlich auch nicht vorstellen, dass es dbzgl. offizielle, dokumentierte Handlungsanweisungen (zur Durchführung von Kontrollen ohne jeden Verdacht) von Seiten der Unternehmensleitungen gibt.

4 Gedanken zu „Rucksack-Kontrolle bei Netto“

  1. Sag mal, kann man das nicht verstehen, dass das Personal nur deshalb in den Rucksack sehen möchte, weil so viel geklaut wird? Woher soll das Personal wissen, dass Du nicht den halben Rucksack voller wertvoller Artikel voll hast? Normalerweise lässt man den Rucksack draußen, im Auto, im Schließfach. Ich gebe ihn oft an der Kasse ab, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin. Allerdings zeige ich IMMER und UNAUFGEFORDERT meine Taschen bereitwillig vor. Schließlich soll dem Diebesgesindel den Garaus gemacht werden, oder?

    Jemand wie Du wäre mir höchst verdächtig, sorry. Das geht besser. Man kann doch nicht alles voll mit Supermarktdetektiven machen!?

    1. Hallo Ralf,

      schön, dass du meinen Blog noch verfolgst. Deine Meinung sei dir unbenommen. Sie spiegelt auch genau das wider, was mir fundamental missfällt (q. e. d.).

      Sag mal, kann man das nicht verstehen, dass das Personal nur deshalb in den Rucksack sehen möchte, weil so viel geklaut wird?

      Nein, das kann ich nicht verstehen. Das ist auch nicht mein Problem. Nur, weil andere klauen, hältst du es für richtig, die Unschuldsvermutung umzukehren…!?

      Normalerweise lässt man den Rucksack draußen, im Auto, im Schließfach.

      Ich habe auf meinen Radtouren kein Auto mit dabei. Und die Anzahl der Märkte mit Schließfächern bewegt sich im Promillebereich. Was m. E. zeigt, dass das Problem nicht soooo groß zu sein scheint…

      Ich gebe ihn oft an der Kasse ab, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin. Allerdings zeige ich IMMER und UNAUFGEFORDERT meine Taschen bereitwillig vor.

      Das kannst du von mir aus so machen; ich wünsche dir an dieser Stelle ausdrücklich, dass man dir deine Taschen stehlen wird – und du auf dem Schaden sitzen bleibst. 😉 Und wenn du meinst, DU hättest nachzuweisen, dass du kein „Langfinger“ bist, sagt das (einmal mehr…) viel über dich und dein Selbstverständnis in Sachen Rechtsstaat aus.

      Schließlich soll dem Diebesgesindel den Garaus gemacht werden, oder?

      „Gesindel“? Was ist das denn für eine Wortwahl…? Diebstahl mag für Einzelhändler ein Problem sein – es ist aber nicht meines. Es rechtfertigt auch keine pauschale Verdächtigung Unschuldiger!

      Jemand wie Du wäre mir höchst verdächtig, sorry. Das geht besser.

      Was eben zeigt, dass bei dir die rechtsstaatlichen Maßstäbe schon völlig ins Gegenteil verkehrt wurden. Und man sich „verdächtig“ macht, weil man sich nicht grundlos einer Straftat verdächtigen lassen will…!?

      Man kann doch nicht alles voll mit Supermarktdetektiven machen!?

      Das ist – wie gesagt – auch nicht mein Problem. Wenn ein Unternehmen das betriebswirtschaftlich für nötig erachtet, soll es das machen. Es hat aber kein Recht, von Kunden zu verlangen, sich nackig zu machen.

  2. Das wär ja noch schöner, wenn jetzt Einzelhandelsangestellten polizeiliche Befugnisse zugesprochen würden und diese in gröbster Weise die Privatsphäre verletzen dürfen.
    Die Rechtslage ist da zum Glück eindeutig.
    Mag natürlich sein, dass das management Druck auf die Angestellten ausübt und Sanktionen bei Unstimmigkeiten zw. Warenbestand und Kassenabrechnungen ausgeübt werden.
    Das ist dann ein Problem für Gewerkschaften (die bei Discountern illegalerweise oft nicht zugelassen werden), aber nicht für Kunden.
    Wer sowas mitmacht darf sich dann auch nicht wundern wenn Bürgerrechte mehr und mehr eingeschränkt werden.

Schreibe einen Kommentar zu Ralf Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Absenden des Kommentars werden Ihr gewählter Name, Ihre Email-Adresse sowie der von Ihnen verfasste Text gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung.

46 − 45 =