Blaue Anarchie in Homburg

Am 13. Juni packte ich für meine Tour in die Nordpfalz hinauf bis nach Kusel mal wieder die dicke Kamera mit in den Rucksack. Schließlich gehen mir so langsam auch ein wenig die Themen aus. Die Stadt Homburg im Saarland hat jedenfalls Radfahrern in vielerlei Hinsicht einiges zu bieten! Ich bin regelmäßig froh, wenn ich diese mir überhaupt nicht sympathische Stadt durchquert habe. Zum Glück hatte ich früher noch kein ausgeprägtes Bewusstsein für den Unfug, den man regelmäßig mit den blauen Schildern so treibt; ich wusste jedenfalls bei meinem etwas längeren Fotostop nördlich der Uniklinik nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. ;o)

L 213 von Kirrberg nach Homburg

Ich kam von Zweibrücken über den „Kalköfenhübel“ nach Kirrberg, wo dann auch noch vor dem Ortsausgang und den letzten Häusern ein Gemeinsamer Geh- und Radweg den folgenden (immerhin recht breiten) Seitenstreifen in einen (für das Saarland typischen) benutzungspflichtigen Zwei-Richtungs-Geh-und-Radweg umwandelt. Auf Fotos hatte ich hier noch keine Lust, es war immerhin ein „aktuelles“ Zeichen 240. Glücklicherweise war der Streifen wohl erst vor kurzer Zeit gekehrt worden – diese Dinger üben nämlich eine magische Anziehungskraft auf Idioten aus, hier ihre Bier- und Wodkaflaschen aus dem Auto heraus zu zerdeppern…!

In der Nähe des Heizkraftwerks der Unikliniken führt einen dann eine Zeitreise zurück in die Jahre vor 1992, als diese Zeichen 244 (der damals gültigen StVO entsprechend) aufgestellt wurden. Man hat sich entlang dieser Strecke auch richtig Mühe gegeben, an jedem aus dem Wald kommenden Weg die Benutzungspflicht durch erneutes Aufstellen ja Aufrecht zu erhalten. Dieser Seitenstreifen-Weg ist selbstredend in beide Richtungen bebläut. Was grade für den linksseitigen Radverkehr bei Dunkelheit wegen des blendenden Kfz-Verkehrs unheimlich spaßig sein dürfte…!

Aus der anderen Richtung ist das blaue Schild etwas witzlos, da man die durchgezogene Mittellinie hier nicht überfahren dürfte. Da hätte man eine gute Ausrede, wenn man z. B. aus der Zufahrtstraße zum „CIPPM“ gefahren käme.

Weiter Richtung Homburg folgt eine Passage hinter einer Leitplanke, die Breite des Weges dürfte grade so ausreichend sein. Das Ende des Leitplankenabschnitts ist aber wieder auch ganz witzig; erneut wird wegen einmündender Waldwege das Z 244 wiederholt.

Etwas böse sind allerdings die in den lichten Raum des Geh- und Radwegs reichenden Richtungstafeln (hier wohl Zeichen 625-10). Der Blick aus der anderen Richtung:

In den hier gesammelten Unfallberichten fuhren ja schon Leute u. a. gegen Fensterbänke. Würde mich wundern, wenn hier (grade bei Gegenverkehr) nicht schon einmal wer mit dem Lenkerende dran hängengeblieben wäre.

Homburg

Nach etwas Gekurve mit moderatem Gefälle von um die 3 % erreichen wir dann die Ampelkreuzung, an der die L 213 in die Zufahrtstraße zum Uniklinik-Gelände einmündet. Die Straßennamenbezeichungen sind hier jedenfalls ziemlich verwirrend. Auch direkt an der Ampel steht ein (altes) Z 244. Es führt einen nun auf einem von der Fahrbahn getrennten Weg entlang einer Spezial-Buchhandlung (für die Medizinstudenten) geradeaus Richtung Kirrberger Straße. Hier beginnt dann nun die völlige Homburger Blauschild-Anarchie mit einem (immerhin „neuen“)  (Zeichen 241-31) mit einem Zusatzzeichen 1000-31:

Am Weg an sich ändert sich dort nix, es gibt keinerlei Anzeichen für eine bauliche Trennung; auch keine Linie trennt hier nun den Fußgänger- und Radverkehr. In beide Richtungen wohlgemerkt!

Am Ende dieses Weges dürfen wir dann rätseln, wie wir legal über die Ringstraße zurück auf die Kirrberger Straße (oder auch zur Ringstraße selbst) kommen – denn dort ist nur ein Fußgängerüberweg eingerichtet, zu erkennen auf der google-Maps-Aufnahme. Auch in der Gegenrichtung finden wir an dieser Ecke ein linksseitig aufgestelltes :

Wie der Radfahrer allerdings überhaupt legal dort hinkommen soll, ist ein ebenso logisches Problem wie jenes (mal ungeachtet der fehlenden Trennlinie), dass der Radverkehr aus der südlichen Richtung sich zumindest rechts halten soll, der aus der Gegenrichtung allerdings (aus seiner Sicht) auch. Hier werden also Radfahrer und Fußgänger auf Kollisionskurs gebracht!

Als ich mich ein wenig umsah, erspähte ich dann aus der Ringstraße in Richtung Westen blickend dieses ulkige alte, bis 1992 verwendete Zeichen 242:

Tja, offenbar ist die Fahrbahn hier exklusiv für Radfahrer vorgesehen! Im Hintergrund erkennt man dann zwei Gemeinsamer Geh- und Radweg auf relativ kurzer Strecke, das erste wird wohl die Unterführung (nach Links) zur anderen Straßenseite freigeben. Das zweite dahinter (Schilder stehen regelm. rechts…) den hier etwas abgesetzten Weg, um zurück zur „eigentlichen“ Ringstraße Richtung Westen zu gelangen.

Tja, dann hatte ich eigentlich von diesem blauen Chaos schon mehr als genug; ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es in anderen Ecken dieser Stadt aussehen mag…! Die Kirrberger Straße Richtung Stadtmitte fahrend, schaute ich jedenfalls dann doch nochmal über die Schulter (Richtung Süden). Viel Worte brauch ich dazu wohl nicht mehr verlieren:

Tempo-30-Zone Talstraße

Ohne Fotos habe ich ein paar Minuten später dann einmal mehr die leider immer noch nicht von ihren (teilw. wieder „alten“) Getrennter Geh- und Radweg und  befreite Talstraße (DIE Geschäftstraße in Homburg) passiert. Die Besonderheit ist, dass es sich hier um eine Tempo-30-Zone handelt; beide Schilder hätte ich in Kombination aber auf kein symbolisches Foto bekommen. Im Hinblick auf die DSGVO liefen mir da auch zu viele Leute rum – und das Fotografieren von Menschen in der Öffentlichkeit ist ja neuerdings streng verboten! Die Mapillary-Aufnahmen sind leider auch nicht so dolle. Jedenfalls: gemäß § 45 (1c) S. 3 StVO schließen sich T-30-Zonen und benutzungspflichtige Radwege gegenseitig aus:

Sie darf nur Straßen ohne Lichtzeichen geregelte Kreuzungen oder Einmündungen, Fahrstreifenbegrenzungen (Zeichen 295), Leitlinien (Zeichen 340) und benutzungspflichtige Radwege (Zeichen 237, 240, 241 oder Zeichen 295 in Verbindung mit Zeichen 237) umfassen.

Mitten im chaotischsten Gewusel, aus dem ständig Fußgänger von der einen auf die andere Straßenseite wechseln, gibt es da also einen gepflasterten Radweg, den man in beide Richtungen benutzen soll. Nein Danke; meine Gesundheit ist mir da wesentlich wichtiger!

Die zuständige Straßenverkehrsbehörde des Saarpfalz-Kreises hatte ich bereits am 9. August 2017 auf diese eklatanten Mängel (vor allem die an unzähligen Stellen falsch angeordneten Getrennter Geh- und Radweg) in der gesamten Homburger Stadtmitte (insb. eben in der Talstraße, aber auch im weiteren Verlauf der Ringstraße) hingewiesen und nebenbei auch die örtliche PI darüber in Kenntnis gesetzt. Nun erscheint es möglich, dass die Sachbearbeiterin wohl wegen einer schweren Erkrankung lange Zeit nicht im Dienst war. Das ist allerdings auch keine Entschuldigung dafür, diese absurden und gefährlichen Zustände in der Homburger Innenstadt weiter bestehen zu lassen!

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7 Gedanken zu „Blaue Anarchie in Homburg“

    1. Das glaub ich dir. Ein weiterer Grund, warum ich ganz froh drüber bin, in der hügeligen „Provinz“ zu leben – und zu radeln! :o)

      Solche gefährlichen und nervigen Pflaster wie Homburg (alles, nur keine Großstadt) kann man ansonsten auch ganz gut umfahren.

      1. Ich müsste mal prüfen, ob immer in Blickweite das nächste zweifelhafte Schild, eine nicht zulässige Beschilderung oder Absicherung einer Arbeitsstelle ist.

        Je mehr man sich damit befasst, je mehr fällt einem auch auf. Du wirst noch Probleme finden, die du heute noch nicht siehst. 🙂

        1. Je mehr man sich damit befasst, je mehr fällt einem auch auf. Du wirst noch Probleme finden, die du heute noch nicht siehst.

          Ja, das kenn ich. Mir fällt oft auf Fotos erst beim 10. Mal drübersehen wieder was auf, was mir vorher nicht auffiel. Soviel auch zum Thema „mit einem beiläufigen Blick“. Allein diese Ecke zeigt die Blauschild-Idiotie schon wieder mehr als deutlich auf – ich wüsste da überhaupt nicht, wie ich da jetzt fahren sollte, um zu meinem eigentlichen Ziel zu gelangen. Dieses Gewirr (Innerorts, ohne Gefahrenlage) ist dabei auch um Welten gefährlicher (siehe nur Radwege über Zebrastreifen…), als dort einfach auf der Fahrbahn zu bleiben. Aber: Die Leute wollen ja solche Wegelchen. Dabei wurden auch hier einfach nur Bürgersteige mit „Gammelblech“ zu „Radwegen“ umetikettiert.

  1. Wenn ich im Kapitel „Homburg“ die Bilder und die Schilder darauf richtig deute, ist an der Bücherei der Radstreifen immer in Fahrtrichtung rechts. Also hin an der Wand entlang (1. und 2. Bild), zurück am Bordstein lang (3. Bild). Für Fußgänger umgekehrt…

    1. Genau, ich hatte einen google-maps-Link vergessen. In nördlicher Richtung (Innenstadt) sollen sich Radfahrer an der Gebäudeseite, Fußgänger am Grünzeug halten. In südlicher Richtung (Uni-Klinik / Kirrberg) Fußgänger dann an der Gebäudeseite, Radfahrer am Grünzeug. Ich vermute, dass denen irgendwann die 240er-Schilder ausgegangen sind. Also haben sie einfach wahllos 241er aufgestellt. Oder es war dem Praktikanten, der das da angeordnet hat, einfach egal.

      1. In Heidelberg gibt es auch so eine Straße, mit Trennstrich dazwischen, und der eine Streifen läuft sich an Hauseck tot. Die Schilder hatte man vor ein paar Jahren extra aufgestellt, um mir einen Baustellenparkplatz streitig zu machen. Da musste die Stadt dann auch ein Bußgeld zurückziehen.

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